Die Integration Polens in die EU: Herausforderungen für den Naturschutz - eine Annäherung
- Heft 72

Kurzfassungen der Beiträge

  1. Piotr Banaszuk & Leo Reyrink: Das Narew-Projekt des Landes Nordrhein-Westfalen - Modellprojekt der Grünen Lunge Polens
  2. Inge Maass: Zur Bedeutung von historischen Elementen der Kulturlandschaft in Polen: die Notwendigkeit ihrer Dokumentation und ihrer Erhaltung
  3. Karl Heinz Großer: Die Leba-Nehrung – Slowinski Park Narodowy
  4. Karl Heinz Großer: Das Naturschutzgebiet „Bellinchen“
  5. Hartmut E. J. Müller: Biosphärenreservat Odermündung?
  6. Eugeniusz Nowak & Martin Flade: Vogelkundliche Forschung und Naturschutz in Polen
  7. Jörg Petermann & Yvonne Stechly: Zur Umsetzung der FFH-Richtlinie in Polen
  8. Heiner Lambrecht: Praxistest UVP im grenzüberschreitenden Zusammenhang zwischen Deutschland und Polen
  9. Klaus Ermer: Grenzüberschreitende Zusammenarbeit beim Hochwasserschutz
  10. Herbert Sukopp: Zur Erforschung des Naturschutzgebietes „Bellinchen“ bis 1945
  11. Gerhard Wagenitz: Hans Steffen (1882–1945) – ein ostpreußischer Botaniker
  12. Werner Wahmhoff, Matthias Kleinke & Volker Wachendörfer: Die Fördertätigkeit der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) in Polen
  13. Lore Steubing: Jugendkontakte und Schüleraustausch zwischen Deutschland und Polen
  14. Angelika Wurzel: Deutsch-Polnisches Handbuch zum Naturschutz – ein Beispiel erfolgreicher Zusammenarbeit

 


1. Dr. Piotr Banaszuk, Narodowa Fundacja Ochrony Srodowiska, Bialystok & Drs. Leo Reyrink, Biologische Station Krickenbecker Seen, Nettetal:
Das Narew-Projekt des Landes Nordrhein-Westfalen Modellprojekt der Grünen Lunge Polens

Mit dem Narew-Projekt, einem Modellprojekt in der sog. „Grünen Lunge Polens“ (GLP), engagiert sich das Land Nordrhein-Westfalen (NRW) im internationalen Naturschutz. Die Anfang der 1980er Jahre von Wolfram vorgestellte Vision einer „Grünen Lunge Polens“, sah vor, die relativ unbelasteten Gebiete im Norden und Osten Polens zu erhalten. Dies wurde 1994 landesweit etabliert; das heutige Gebiet der GLP umfasst fast 20 % der Landesfläche, u. a. die Seenplatte Masurens sowie die Auen von Narew und Biebrza.

1996 wurde der Nationalpark Narew, ein in Europa einmaliges Tal aus Moorsümpfen und vielen verschiedenen wasserführenden Flussarmen, gegründet. Hier liegt eines der wichtigsten europäischen Brutgebiete zahlreicher (teils stark) gefährdeter Wasser- und Sumpfvogelarten sowie Rast- und Nahrungsplätze vieler Zugvögel. Die Unterschutzstellung des Bereiches verhinderte jedoch nicht gravierende Beeinträchtigungen der Wasserqualität. Die größte Beeinträchtigung des Nationalparks Narew ist neben anderen die entwässernde Wirkung im Nordosten durch den vor ca. 20 Jahren angelegten Narew-Kanal. Zurzeit befinden sich die Flächen im Nationalpark zu 80 % in privatem Besitz und werden, wo möglich, extensiv landwirtschaftlich genutzt.

Ziel des im Mai 1998 gestarteten Modellprojekts Narew ist es, auf regionaler Ebene umweltgerechte Entwicklungen (z. B. in Landwirtschaft, Fischerei, Tourismus) zu fördern und somit die biologische Vielfalt im Nationalpark Narew und seinen Pufferzonen zu erhalten.

Private Naturschutzorganisationen, wie die polnische Nationale Stiftung Umweltschutz, die Stiftung Europäisches Naturerbe (Euronatur) und die Biologische Station Krickenbecker Seen e. V., setzen das Projekt gemeinsam um. Für das Land NRW wird die Koordination durch die Biologische Station Krickenbecker Seen e. V., auf der polnischen Seite von der Nationalen Stiftung Umweltschutz übernommen. In einer Lenkungsgruppe wurden darüber hinaus regionale Vertreter zuständiger Behörden und privater Organisationen mit eingebunden, um so örtliche Kenntnisse und Erfahrungen zu nutzen.

Eine fünfjährige Finanzierung ist seitens NRW sichergestellt. In den ersten Projektjahren wurden viele kleinere Projekte erfolgreich initiiert und gefördert. Zu nennen sind u. a. Maßnahmen der Wiedervernässung und Renaturierung, der extensiven Beweidung durch alte Haustierrassen (Rote Kühe und Koniks), des Neu- und Umbaus von Pensionen oder agrotouristischen Höfen, der Ausstattung von Informationspunkten sowie der Umweltbildung und Öffentlichkeitsarbeit und der Förderung einer umweltgerechten Landwirtschaft in diesem Bereich. Angestrebt wird auch die Schließung des Narew-Kanals und eine komplette Vernässung der Flächen südlich davon.


2. Inge Maass, Stuttgart:
Zur Bedeutung von historischen Elementen der Kulturlandschaft in Polen: die Notwendigkeit ihrer Dokumentation und ihrer Erhaltung

In Polen blieb auch unter sozialistischen Verhältnissen bis heute ein hoher Anteil an bäuerlichen Kleinbetrieben erhalten. Der Beitritt Polens zur EU lässt einschneidende Veränderungen in der Landwirtschaft (z. B. Flurbereinigung, Intensivierung) und in der Folge in der Kulturlandschaft erwarten. Vor allem in Südpolen sind noch traditionell anmutende Bewirtschaftungsformen, wie Triftwegesysteme entlang von Landstraßen, Streifenflurverbände mit Wällen und Hochrainen sowie Wiesen-Weide-Systeme gegeben. Diese machen den optischen Reiz der Landschaft aus und sind Grundlage eines vergleichsweise großen Artenreichtums und hoher Populationsdichten sowie für das Vorkommen zahlreicher im Westen seltener Tier- und Pflanzenarten.

Das Miedza-System, ein System aus Mittelstreifen (lat. media = die Mitte), ist eine besonders hervorzuhebende naturschutzrelevante Kleinstruktur der südpolnischen Landschaft. Die Streifenflurlandschaft südlich von Zamosc ist charakterisiert durch schmale, bis zu 300 m lange Ackerparzellen, die von sog. „Miedza“, schmalen Streifen oder Längsrainen nicht gepflügten Ackers, begleitet werden. Bei diesen Miedza-Streifen handelt es sich um öffentliche Flächen, welche die privaten Felder trennen. Miedza im Gebiet Katowice hingegen sind Wiesenstreifen zwischen der Feldflur und Feldwegen oder Landstraßen.

Als wesentlich wird angesehen, derartige historische Bewirtschaftungsformen zu dokumentieren. So lassen sich unmittelbar agrarhistorische Studien betreiben, aus denen Kenntnisse und Maßnahmen für das Naturschutzgebietsmanagement abgeleitet werden können. Darüber hinaus muss vorrangiges Ziel sein, einen Anteil der naturschutzrelevanten Kleinstrukturen in der Agrarlandschaft zu sichern und erhalten. Die Verfasserin ruft zu einer entsprechenden Initiative und einem auf langfristige Erhaltung solcher Rainstrukturen angelegten Programm auf.


3. Dr. Karl Heinz Großer, Belzig:
Die Leba-Nehrung – Slowinski Park Narodowy

Das Gebiet der Leba-Nehrung an der pommerschen Ostseeküste einschließlich seiner beiden großen Strandseen ist seit 1966 Nationalpark (Slowinzen-Nationalpark). Er zeichnet sich durch ein dynamisches Wechselspiel von Wanderdünen und Vegetation aus und stellt in dieser Form eine Besonderheit von europaweiter Bedeutung dar. Bereits in der ersten Hälfte des 20. Jh. wurde die Landschaftsentwicklung auf der Leba-Nehrung untersucht, sie ist geprägt durch das Verschütten von Wäldern durch Wanderdünen und dem erneuten Einwandern der Vegetation nach dem Abzug der Düne.

Der Beitrag beschreibt detailliert die Pflanzenwelt (Farn- und Blütenpflanzen, Moosflora, Flechten, Pilze, Algenflora), Vegetation (Gesellschaften der Wälder, Dünen, Wiesen, Trockenrasen, Hoch- und Übergangsmoore sowie Gewässer und ihrer Ufer) sowie die Tierwelt (Bemerkenswerte Arten und Tiergemeinschaften) des Slowinzen-Nationalparks. Die Darstellungen stützen sich im Wesentlichen auf die Publikation von PIOTROWSKA (Die Natur des Slowinzen-Nationalparks).

Die nacheiszeitliche Geschichte der Vegetation und der Böden des Gebietes wird mit Hilfe von Pollenanalysen in Mooren und limnischen Sedimenten, der Untersuchungen pflanzlicher Großreste und Mikrofossilien sowie Radiokarbon-Datierungen rekonstruiert. Untersuchungen im Moor „Kluki-11“ schufen u. a. die Grundlage für Erkenntnisse der nacheiszeitlichen Wasserspiegelschwankungen der Ostsee. In dem Moor gelang auch die Rekonstruktion einer ganzen fossilen Vegetationsabfolge der Wasservegetation. Die Geschichte der Böden ist in gewisser Weise ein komplementäres Gegenstück zur Vegetationsgeschichte. Beispielhaft werden die Genese eines Gleypodsols unter Anmoor und die Geschichte fossiler Böden der Leba-Nehrung dargestellt.

Ein passiver Schutz in Form strenger Reservate ist unzureichend, um die charakteristischen Naturressourcen des Gebietes zu sichern und zu bereichern. Hierfür bedarf es eines aktiven Schutzes, d. h. der Pflege und Entwicklung dort, wo z. B. im Interesse des Artenschutzes gezielt Landschaftspflege betrieben werden muss. Auch der Erholungsverkehr ist durch Leitmaßnahmen naturschutzverträglich zu gestalten.


4. Dr. Karl Heinz Großer, Belzig:
Das Naturschutzgebiet „Bellinchen“

Die „Oderhänge bei Bellinchen“ sind seit 1927 ein Naturschutzgebiet (NSG). Der Bereich repräsentiert einen vielgestaltigen Standort- und Vegetationskomplex aus Wald- und Steppenbiogeozönosen an einem schroff nach Südwesten abfallenden, von zahlreichen Quertälern zerschnittenen Moränensteilhang über dem Odertal. Mit Ende des Zweiten Weltkrieges wurde Bellinchen polnisches Staatsgebiet; 1957 erfolgte seine Anerkennung als Naturreservat „Bielinek“. Anläßlich des 70-jährigen Bestehens dieses Reservats wurde ein „Führer durch das Wald- und Steppenreservat Bielinek“ veröffentlicht, an dem sich dieser Beitrag orientiert.

Die Naturausstattung ist in jeder Hinsicht vielgestaltig. Der Bereich wird durch zwölf Schluchten bzw. „Gründe“ zerteilt. Wesentliche anthropogene Eingriffe erfuhr Bielinek u. a. durch eine Ziegelei und Schützengräben u. dgl. aus dem Zweiten Weltkrieg. Auch der geologische Aufbau des Gebietes weist große Unterschiede auf. Im Westteil bestehen die Hanglagen aus Lehmen und Tonen, während im Osten sandige, skelettreiche Lockerbildungen vorliegen. Die Böden sind vielfältig; Gewässer sind dagegen spärlich vertreten. Klimatisch liegt Bielinek im Trockengebiet der unteren Oder. Das Lokalklima des Reservats weicht jedoch erheblich vom Klima der Umgebung ab. Artenreichtum und das Vorkommen seltener Arten, die im Einzelnen dem Beitrag zu entnehmen sind, haben seit langer Zeit das Interesse vieler Forscher geweckt. Es werden verschiedene pflanzensoziologische Einheiten beschrieben. Die Tierwelt des Reservats wird im Ganzen auf etwa 6.000 Arten geschätzt.

Drei Lehrpfade (s. Beitrag) ermöglichen heute Touristen, das NSG Bielinek/Bellinchen mit seinen einzigartigen natur- und landschaftskundlichen Besonderheiten kennen zu lernen. Der natürlichen Entwicklung folgend unterliegt der Bereich einem Wandel, so schreitet z. B. die Bewaldung fort. Im NSG Bielinek ist Raum für beide Naturschutzstrategien, der Sicherung der den Standort entsprechenden, hier sehr hohen Arten- und Formenmannigfaltigkeit, wie auch für den Ablauf natürlicher Prozesse in den unbewirtschafteten Waldbiogeozönosen der Täler.


5. Dr. Hartmut E. J. Müller, Thyrow:
Biosphärenreservat Odermündung?

Die Odermündung entspricht keinem konkreten Punkt auf der Landkarte, sie ist eher mit einer Großlandschaft zu verbinden. Der Beginn dieses Naturraums liegt ein wenig südlich von Hohensaaten. Das gesamte untere Odertal verhält sich wie ein eingeengtes Flussdelta, da das Gefälle und damit die Fließgeschwindigkeit sehr gering sind. Das Wasser der Oder strömt zuletzt über drei Mündungsarme ins Stettiner Haff und dann in die Ostsee.

Auf deutscher Seite ist der hier betrachtete Raum fast durchgängig Naturschutzgebiet, Landschaftsschutzgebiet, Natur- oder gar Nationalpark. Das polnische Netz von Schutzgebieten ist bei weitem nicht so dicht, dafür unterliegen die vorhandenen Schutzgebiete aber traditionell einem sehr konsequenten Schutzregime.

In den 1990er Jahren entstanden verschiedene zukunftsorientierte Visionen und Projekte zum grenzüberschreitenden Naturschutz. Eines der ersten war das Projekt „Internationalpark Unteres Odertal“. Inzwischen existiert seit 1993 auf polnischer Seite der Landschaftsschutzpark Unteres Odertal und auf deutscher Seite seit 1995 der Nationalpark Unteres Odertal. Obwohl der gemeinsame „Internationalpark“ bisher nicht umgesetzt werden konnte, besteht die Idee, ein großes länder- und grenzüberschreitendes Biosphärenreservat in der Odermündung zu schaffen, fort.

Realistisch erscheint ein grenzüberschreitendes Biosphärenreservat, das den östlichen Teil der Ueckermünder Heide und in Polen das gesamte Gebiet nordwestlich von Stettin einschließt. Ein Biosphärenreservat Ueckermünder Heide hätte alle Voraussetzungen, eine ökologische Modellregion im deutsch-polnischen Grenzgebiet und ein Paradebeispiel für deutsch-polnische Nachbarschaft zu werden.


6. Dr. Eugeniusz Nowak, Bonn & Dr. Martin Flade, Landesanstalt für Großschutzgebiete, Eberswalde:
Vogelkundliche Forschung und Naturschutz in Polen

Die Erforschung der polnischen Vogelfauna hat eine lange Tradition. Bereits 1882 veröffentlichte Taczanowski ein 2-bändiges Handbuch der Vögel. Tomialojc verzeichnet insgesamt etwa 404 in den Nachkriegsgrenzen Polens nachgewiesene Vogelarten, wovon 238 Brutvögel sind. Er wird mit Stawarczyk eine neue, erweiterte Monografie der Avifauna des Landes herausgeben, aus der dieser Beitrag bereits erste Daten enthält. Ferner existieren für einige Teile Polens gute Regionalmonografien.

Der Bestand der Brutvogelfauna Polens verändert sich. Die Gruppe der Nichtsingvögel ist stärker im Rückgang begriffen als die Gruppe der Singvögel. Insgesamt betreffen negative Trends fast ausschließlich ökologisch spezialisierte Arten. Ihre Erhaltung kann durch einfache rechtliche Schutzmaßnahmen alleine nicht gewährleistet werden.

Polen verfügt über ein Netz von Nationalparks, Landschaftsschutzparks und faunistischen Naturschutzreservaten. Einige davon wurden mit dem Ziel eingerichtet, seltene oder gefährdete Vogelarten zu schützen und erhalten. Bereits 1978 hat Polen die Ramsar-Konvention ratifiziert und acht große Feuchtgebiete mit reichen Vogelbeständen als „Ramsar-Gebiete“ gemeldet. Dem Washingtoner Artenschutzübereinkommen ist Polen 1990 beigetreten. Ebenfalls ratifiziert wurden Abkommen wie die Bonner Konvention (1992) und die Berner Konvention (1995).

Mit dem geplanten EU-Beitritt Polens fürchten viele Ornithologen insbesondere negative Auswirkungen bei der Anpassung der kleinbäuerlichen Landwirtschaftsstruktur an die EG-Agrarpolitik, die bisher dem Artenschutz zugute kommt.

Der Beitritt Polens zur EU wird auf vielen Ebenen zu Veränderungen führen, die Auswirkungen auf die Avifauna haben können. Als gravierende Schwäche ist das zu geringe und zu wenig aktive System von NGO´s des Naturschutz- und Umweltschutzbereichs anzusehen. Das Engagement von Verbänden anderer EU-Staaten in Polen ist daher von großer Bedeutung.


7. Dr. Jörg Petermann & Yvonne Stechly, Landschaftsökologisches Planungsbüro V. Stelzig, Soest:
Zur Umsetzung der FFH-Richtlinie in Polen

Im Rahmen der geplanten EU-Osterweiterung, Polen ist eines von elf beitrittswilligen Ländern, tritt u. a. die Fauna-Flora-Habitat (FFH)-Richtlinie in Kraft. Sie hat zum Ziel, zusammen mit der EG-Vogelschutzrichtlinie ein europaweites zusammenhängendes Netzwerk aus Schutzgebieten unter dem Namen NATURA 2000 aufzubauen, das in repräsentativer Weise die aus EU-Sicht besonders schutzwürdigen Lebensraumtypen und Arten erhalten und ggf. entwickeln soll.

In Polen trägt das Umweltministerium die Hauptverantwortung für die Implementierung und Umsetzung dieser Richtlinie. Die Ausführung des Naturschutzes liegt im Zuständigkeitsbereich des direkt diesem zugeordneten Hauptkonservators für Naturschutz. Auf Ebene der Woiwodschaften nimmt ein eigener Naturschutzkonservator die Aufgaben in Abstimmung mit dem Woiwoden wahr. An der Umsetzung der FFH-Richtlinie wirken zahlreiche staatliche und nicht staatliche Organisationen mit, die im Einzelnen im Beitrag genannt werden. Die Richtlinie soll bis zum 31. Dezember 2002 durch die zweite Etappe der Novellierung des polnischen Umweltschutzgesetzes umgesetzt werden.

Eine offizielle Liste der in Polen vorkommenden Lebensraumtypen existiert bisher nicht. Allerdings wurde durch die Verordnung des polnischen Umweltministers vom 14. August 2001 eine erste Aufstellung veröffentlicht (vgl. Tab. im Beitrag). Seitens mehrerer Verbände wird kritisiert, dass eine Reihe von Lebensraumtypen, die in Polen vorkommen, hier nicht genannt sind. Zum Zeitpunkt des EU-Beitritts ist eine nationale Meldeliste mit Gebietsvorschlägen vorzulegen.

Eine erste – nicht offizielle – Liste mit Gebietsvorschlägen ist vorhanden (vgl. Tab. im Beitrag). Die Datengrundlagen für die einzelnen Gebietsvorschläge und ihre inhaltliche Bearbeitung sind sehr unterschiedlich.


8. Heiner Lambrecht, Planungsgruppe Ökologie + Umwelt GmbH, Hannover:
Praxistest UVP im grenzüberschreitenden Zusammenhang zwischen Deutschland und Polen

Mit Hilfe eines Forschungsvorhabens des Umweltbundesamtes sollte die praktische Umsetzung der Anforderungen des UN ECE (United Nations Economic Commission for Europe)-Übereinkommens über die Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) im grenzüberschreitenden Zusammenhang zwischen Deutschland und Polen am praktischen Beispiel konkreter Verfahren getestet werden.

Eine Aufgabe des Forschungsvorhabens war, auf Grundlage der einschlägigen Regelungen zur UVP im grenzüberschreitenden Zusammenhang eine Verfahrenskonzeption zu entwickeln (vgl. Abb. im Beitrag). Diese wurde anschließend anhand konkreter Zulassungsverfahren für UVP-pflichtige Projekte angewandt. Drei Planfeststellungsverfahren der Bundesländer Brandenburg und Freistaat Sachsen wurden in den Praxistest einbezogen:

  1. Rekonstruktion des Oderdeichs in der Neuzeller Niederung zwischen Ratzdorf und Eisenhüttenstadt (bislang nur Vorbereitungsverfahren mit dem Scoping-Termin durchgeführt),
  2. Flutung des Tagebaurestlochs Berzdorf/Herstellung des Berzdorfer Sees,
  3. Neißewasserüberleitung bei Steinbach.

Aufgrund ihrer Lage war bereits eine mögliche grenzüberschreitende Umweltrelevanz dieser Projekte gegeben. Da ihre Wirkung zugleich für die Wasserwirtschaft an den Grenzgewässern bedeutsam war, gelten auch die Bestimmungen des Deutsch-Polnischen Grenzgewässervertrags.

Der Beitrag nennt konkrete Anforderungen, die grenzüberschreitende UVPs unter Beteiligung der polnischen Seite erfüllen müssen. Es hat sich gezeigt, dass die frühzeitige Information und v. a. die Beteiligung der polnischen Seite bereits am Scoping-Termin für eine zielgerichtete Ausrichtung der grenzüberschreitend relevanten Sachverhalte besonders wichtig ist. Die Erfahrungen mit der Anwendung der Verfahrenskonzeption, insbesondere bzgl. der Erarbeitung der UVP-Dokumentation und der Beteiligung der polnischen Behörden sowie der Öffentlichkeit, werden im Rahmen des Forschungsvorhabens weiter gehend analysiert und bewertet.

Hinsichtlich der zwischenstaatlichen Auseinandersetzung leistet das Forschungsvorhaben einen wichtigen Beitrag für die geregelte Beteiligung der polnischen Seite in diesen Projekten und eine strukturierte Berücksichtigung der betroffenen polnischen Umweltbelange.


9. Klaus Ermer, Gemeinsame Landesplanungsabteilung der Länder Berlin und Brandenburg, Potsdam:
Grenzüberschreitende Zusammenarbeit beim Hochwasserschutz

Die Länder Berlin und Brandenburg haben staatsvertraglich festgeschrieben, Raumordnung und Landesplanung auf Dauer gemeinsam zu bearbeiten. Gemäß des Raumordnungsgesetzes ist für den vorsorgenden Hochwasserschutz an Küste und Binnenland zu sorgen.

Die Hochwasserschutzplanung im Einzugsgebiet eines Grenzgewässers, wie der Oder, erfordert daher eine interdisziplinäre und länderübergreifende Zusammenarbeit. 89 % des Odereinzugsgebietes liegen in der Republik Polen, 6 % in der Tschechischen Republik und 5 % in der Bundesrepublik Deutschland. Die Oder ist die zweitgrößte Wasserstraße Polens, aber auf rd. 250 km nicht ganzjährig schiffbar. Die seitens Polen angestrebte Schiffbarmachung der Oder als Teil des europäischen Wasserstraßennetzes erfordert gemeinsame Konzepte und intensive Prüfungen Deutschlands und Polens, insbesondere im Hinblick auf den Hochwasserschutz.

Zwei aufeinanderfolgende Starkniederschlagsereignisse verursachten 1997 im Einzugsgebiet von Oder, Bober, Warthe sowie Lausitzer und Glatzer Neiße ein Sommerhochwasser mit verheerenden Folgen. Hochwasser drohen jedoch auch im Winter (besondere Abflussverhältnisse durch Vereisung) und Frühjahr (Schneeschmelze in den Mittelgebirgen).

Daraufhin wurde 1997 mit der „Stettiner Initiative“ eine „Vereinbarung zum vorbeugenden Hochwasserschutz durch Erarbeitung einer internationalen Raumplanungskonzeption für das Flussgebiet der Oder“ von den Ländern Polen, Tschechien und Deutschland unterzeichnet und eine zwischenstaatliche Arbeitsgruppe gebildet. Sie soll – unter Berücksichtigung der Aktivitäten anderer Gremien – ein transnationales Programm zum vorbeugenden Hochwasserschutz im Einzugsbereich der Oder erarbeiten.

Auch die Internationale Kommission zum Schutz der Oder gegen Verunreinigungen (IKSO) hat seit 1997 in das Aufgabenspektrum den vorbeugenden und operativen Hochwasserschutz mit aufgenommen und dafür eine gesonderte Arbeitsgruppe „Hochwasserschutz“ eingesetzt. Vertragsparteien sind die Regierungen der Länder Polen, Tschechien und Deutschland sowie die Europäische Union. Die Arbeitsgruppe „Hochwasser“ konnte eine gemeinsame Strategie und Grundsätze für das Aktionsprogramm im Einzugsgebiet der Oder erarbeiten.

Zentrales Anliegen der Landesplanung von Berlin und Brandenburg ist nicht nur die Mitarbeit in der IKSO und der Stettiner Initiative, sondern auch die Initiierung einer „Transnationalen Konzeption zur raum-ordnerischen Hochwasservorsorge im Einzugsgebiet der Oder“ im Rahmen des Interreg-Projekts OderRegio.


10. Prof. Dr. Dr. h. c. Herbert Sukopp, Institut für Ökologie der TU Berlin und DRL, Berlin:
Zur Erforschung des Naturschutzgebietes „Bellinchen“ bis 1945

Das untere Odergebiet ist durch einen besonderen Reichtum an wärme- und trockenheitsliebenden Pflanzen und Tieren ausgezeichnet. Die Trockenhänge an der Oder sind seit 150 Jahren bei Botanikern und Entomologen berühmt, da hier viele östliche und südliche Arten ihre Verbreitungsgrenze erreichen.

Als Entdecker des Gebietes gilt Kantor Julius Schäde. Ihn begeisterten die Oderhänge bei Bellinchen so, dass er 1867 in einem Vortrag von den „Pflichten des Botanikers, die lebenden Schätze seiner Gegend zu konservieren und vermehren“ sprach. 1911 wandte sich Roman Schulz, Botaniker und Lehrer in Berlin, der Erforschung des märkischen unteren Odertales zu. Schulz´ Untersuchungen führten zu neuen, bemerkenswerten Funden, die z. T. geradezu pflanzengeographische Rätsel darstellten. Er war es, der dem Eigentümer des Ritterguts Hohen-Lübbichow, Dr. h. c. Walter v. Keudell den hohen Wert dieses Bereiches zeigte.

V. Keudell folgte dem Wunsch der Brandenburgischen Provinzialkommission für Naturdenkmalpflege, hier ein Naturschutzgebiet (NSG) einzurichten. 1927 wurden die „Oderhänge bei Bellinchen“ zum NSG (inoffiziell v. Keudell´sches NSG genannt) erklärt. In seinem Umfang besteht das Gebiet als floristisches NSG heute mit ca. 75 ha.

In der Folgezeit haben sich verschiedene Persönlichkeiten um die Erforschung des Gebietes verdient gemacht. So begannen F. Solger, K. Hueck und H. Hedicke in den Jahren 1925/1926 damit, das Schutzgebiet in geologischer, botanischer und zoologischer Hinsicht zu untersuchen. Hueck hob auf großräumigen Vegetationskarten des mittleren Norddeutschlands und Mitteleuropas das Gebiet als „Steppenheidegebiet“ besonders hervor. Dieses NSG ist ein Schulbeispiel für die damalige Diskussion mit Vertretern der naturwissenschaftlichen Forschung über die große Bedeutung derartiger Reservate wie der Naturdenkmalpflege überhaupt.

1928 wurde die Biologische Station Bellinchen eröffnet und war die erste Station zur Erforschung der „Landlebewelt“. Naturwissenschaftler und Lehrer wurden dort weitergebildet. Auch während des Zweiten Weltkrieges wurde die Station als Basis für Studentenexkursionen genutzt.

Privater und staatlicher Naturschutz haben bei der Gründung des NSG Bellinchen erfolgreich zusammengewirkt. Aus wissenschaftlicher Sicht sollte hier die (Wieder-) Errichtung einer biologischen Station für Forschung und Lehre der terrestrischen Ökologie angestrebt werden.


11. Prof. Dr. Gerhard Wagenitz, Albrecht-von-Haller-Institut für Pflanzenwissenschaften an der Universität Göttingen:
Hans Steffen (1882–1945) – ein ostpreußischer Botaniker

Hans Hermann Steffen war ein vielseitiger Florist, Pflanzengeograph und -soziologe. In der Pflanzensoziologie gehörte er zu den Pionieren. So schuf er mit der „Vegetationskunde von Ostpreußen“ ein grundlegendes Werk aus der Frühzeit der Pflanzensoziologie. Bisher war es jedoch kaum möglich, sich über sein Leben zu informieren. Der Beitrag umreißt Steffens Lebensweg und versucht, eine Bibliografie seiner Veröffentlichungen zusammenzustellen. Ein tabellarischer Lebenslauf gibt die wichtigsten Stationen seines Lebens wieder.

Hans Steffen studierte zunächst Mathematik, Chemie und Physik, Biologie kam erst später hinzu. Mittelpunkt seiner Dissertation waren Quellmoore. Spätere wissenschaftliche Arbeiten befassten sich mit der Vegetationskunde von Ostpreußen sowie der Pflanzengeografie der arktischen Flora und der Wegener`schen Theorie der Kontinentalverschiebung. Mit 51 Jahren wurde er in den Ruhestand versetzt, blieb jedoch bis zu seinem Lebensende wissenschaftlich aktiv.


12. Dr. Werner Wahmhoff, Dr. Matthias Kleinke & Dr. Volker Wachendörfer, Deutsche Bundesstiftung Umwelt, Osnabrück:
Die Fördertätigkeit der Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU) in Polen

Die 1990 gegründete Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) ist eine der größten Stiftungen Europas. Leitbild ihrer Fördertätigkeit ist die nachhaltige Entwicklung. Dabei ist ein zentrales Anliegen, die Entwicklung und Nutzung neuer umweltentlastender Technologien und Produkte im Sinne eines vorsorgenden integrierenden Umweltschutzes voranzutreiben und das nationale Naturerbe zu bewahren. Das Umweltbewusstsein der Menschen soll mit dem Ziel von Verhaltensänderungen gefördert werden. Die bisherigen Tätigkeiten sind überwiegend auf Deutschland begrenzt. Die bedeutsamste Förderung in Nachbarländern ist die Kooperation mit Polen. Beispielhafte Förderaktivitäten dort sind:

Grünes Band Oder-Neiße

Gefördert wurde von 1996–2000 ein ökologisches Entwicklungskonzept für den deutsch-polnischen Grenzraum von Oder und Neiße. Für den Erhalt dieser großräumigen Naturlandschaften mit dem Vorkommen von seltenen Arten ist eine naturverträgliche Wirtschaftsentwicklung wesentliche Voraussetzung.

Seenrevitalisierung Cybina

Im März 2000 wurde seitens eines Ingenieurbüros mit der Erarbeitung eines einzugsgebietsbezogenen Struktur- und Maßnahmenkonzepts für die Revitalisierung von Seen, die von der Cybina durchflossen werden, begonnen. Letztlich soll regionalen Entscheidungsträgern ein konkreter und finanzierbarer Maßnahmenkatalog vorliegen, der auch auf ähnliche Regionen übertragbar ist.

Deutsch-Polnisches Stipendienprogramm

In Kooperation mit der Nowicki-Stiftung Warschau fördert die DBU seit Ende 1997 den Studienaufenthalt hoch qualifizierter Absolventen polnischer Hochschulen aus dem Bereich Umweltschutz in der Bundesrepublik Deutschland. Einerseits soll ihnen dadurch die überregionale Bedeutung des Umweltschutzes vermittelt werden, andererseits soll so längerfristig ein Netzwerk deutscher und polnischer Umweltschutzexperten geschaffen und ein know-how-Transfer stimuliert werden.

Lebensunterhalt auf dem Land – Modellprojekte für nachhaltige Entwicklung im östlichen Mitteleuropa

Gemeinsam mit zwei Partnern fördert die DBU im Gebiet Jura und in den Städten Zawoja und Bewrzno jeweils 20 lokale Umweltprojekte. Thematisch sollen die Bereiche nachhaltige Landwirtschaft, ländlicher Tourismus, Energieeffizienz und erneuerbare Energien aufgegriffen werden, um einer Krise der ländlichen Gebiete, deren Folge eine Zerstörung von besonderen Landschaftsmerkmalen und der Verlust von Biodiversität ist, entgegenzuwirken.


13. Prof. Dr. Dr. h. c. Lore Steubing, Institut für Pflanzenökologie der Justus-Liebig-Universität und DRL, Gießen:
Jugendkontakte und Schüleraustausch zwischen Deutschland und Polen

Heranwachsende Generationen sollten die Schutzwürdigkeit der Natur möglichst früh erkennen. Dies geschieht am besten, wenn sie unterschiedliche Landschaften – auch grenzüberschreitend – erleben sowie Informationen über deren Tier- und Pflanzenwelt sammeln können (z. B. in Informationszentren der Nationalparks).

Neben der Robert Bosch Stiftung, die sich bereits vor der Wende mit Begegnungen zwischen deutschen und polnischen Jugendgruppen beschäftigte, fördern u. a. die Stiftung für Deutsch-Polnische Zusammenarbeit und das Deutsch-Polnische Jugendwerk seit 1993 außerhalb der Schule gegenseitige Kontakte sowie den Austausch von Schülern und Jugendlichen beider Länder. Darüber hinaus erwähnenswert sind z. B. lokale Nachbarschaftsbesuche von Jugendgruppen im Nationalpark „Unteres Odertal“.

1992 wurde im Kloster St. Marienthal in Ostritz ein internationales Begegnungszentrum geschaffen. Von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt gefördert, findet hier jährlich die „Internationale Sommerakademie“ statt. Deren Veranstaltungen sind auf grenzüberschreitende Zusammenarbeit im Umweltschutz der Länder Mittel- und Osteuropas ausgerichtet.

Grenzüberschreitende Umwelterziehungsprogramme organisiert und betreut ferner die Internationale Gesellschaft für Umwelterziehung und Umweltaufklärung e. V.

Trotz dieser Aktivitäten bleibt festzuhalten, dass sich die verschiedenen Programme zwischen Deutschland und Polen überwiegend eher politisch kulturell orientieren – ökologische Themen stehen seltener im Mittelpunkt.


14. Angelika Wurzel, Geschäftsstelle des DRL, Bonn:
Deutsch-Polnisches Handbuch zum Naturschutz – ein Beispiel erfolgreicher Zusammenarbeit

Die Arbeitsgruppe Naturschutz des Deutsch-Polnischen Umweltrates regte 1997 an, zuständige Stellen der Länder Polen und Deutschland sollten gemeinsam ein „Deutsch-Polnisches Handbuch zum Naturschutz“ erarbeiten lassen.

Vor dem Hintergrund des zusammenwachsenden Europas würde dies die Zusammenarbeit im Naturschutz und den Austausch wissenschaftlicher und praktischer Erfahrungen erleichtern. Die konkrete Arbeit begann Mitte 1998. Aufgabe war es, ein zweisprachiges Werk zu erstellen, das in knapper, übersichtlicher Form und einfacher Sprache einen Überblick zu Geschichte, Rechtsgrundlagen, Gebiets- und Artenschutz, Planung, Organisation, Verwaltung, privaten Naturschutzorganisationen, Bildung, Forschung und Finanzierung des Naturschutzes beider Länder gibt. Um ein derartiges Handbuch zu erstellen, galt es, neben sprachlicher Probleme, auch Inkompatibilitäten in der elektronischen Datenverarbeitung zu überwinden.

Am Gelingen dieses Werkes haben viele Fachleute mitgewirkt. Das Deutsch-Polnische Handbuch zum Naturschutz liefert einerseits erstmals eine Übersicht von Informationen zur Organisation, Verwaltung und Umsetzung des Naturschutzes in zwei Sprachen. Andererseits repräsentiert es auch ein Beispiel erfolgreicher länderübergreifender Zusammenarbeit.

Das gemeinsame Naturerbe Europas ist im Sinne von Nachhaltigkeit nur zu sichern und entwickeln, wenn Erkenntnisse in Naturschutz und Landschaftspflege direkt ausgetauscht werden können.

letzte Aktualisierung: 25.01.2007