Gebietsschutz in Deutschland: Erreichtes - Effektivität - Fortentwicklung - Heft 73

Kurzfassungen der Vorträge

  1. Josef Blab: Nationale sowie internationale Schutzgebietskategorien und -prädikate in Deutschland
  2. Peter Finck: Vom Einzelgebiet zum Verbundsystem - Leitbilder und konzeptionelle Ansätze zur Implementierung von Schutzgebietssystemen
  3. Beate Jessel: Schutzgebietssysteme und ihre planerische Vorbereitung
  4. Helmut Luding: Schutzgebiete und ihre Bedeutung im Rahmen des Bayerischen Arten- und Biotopschutzprogramms: Umsetzungsprojekt „Heiden im Norden von München“
  5. Jürgen Pusch: Praktische Erfahrungen bei der Umsetzung - Pflege von Schutzgebieten vor Ort
  6. Hubert Weiger: Der Konflikt Statik versus Dynamik bei der Einrichtung und Sicherung von Schutzgebieten und -systemen
  7. Margret Brahms: Die Umsetzung von Schutzgebietssystemen und die Vermittlung ihrer Bedeutung aus der Sicht der Naturschutzverwaltung
  8. Wilfried Stichmann: Die Rolle der NRW-Stiftung bei der Förderung von Naturschutzgebieten und der Entwicklung von Akzeptanz für den Naturschutz
  9. Richard Maurer: Schutzgebiete, ökologische Aufwertung der Kulturlandschaft und Evaluation der Naturschutzpolitik
  10. Klaus Dierßen: Was ist Erfolg im Naturschutz? Ist Naturschutz nach den existierenden Schutzgebietskategorien noch zeitgemäß oder müssen neue Wege gegangen werden?

 


1. Prof. Dr. Josef Blab, Bundesamt für Naturschutz, Abteilung Biotopschutz und Landschaftsökologie und Deutscher Rat für Landespflege, Bonn:
Nationale sowie internationale Schutzgebietskategorien und -prädikate in Deutschland

Die Unterschutzstellung von Landschaftsausschnitten ist eines der wichtigsten und bekanntesten Instrumente des Naturschutzes. Ein Blick in das Bundesnaturschutzgesetz und in die Ländergesetze zeigt die Vielzahl möglicher Schutzgebietsformen und -begriffe. Daneben gibt es weitere Schutzgebietskategorien, die auf internationalen Verträgen und Konventionen basieren sowie Schutzgebiete nach dem EU-Recht. Weiter verkompliziert wird das Ganze durch Prädikatskategorien offizieller internationaler Stellen (etwa Europarat, UNESCO, IUCN) und nationaler Stellen (z.B. gesamtstaatlich repräsentative Gebiete des BMU). Und als ob das nicht genug wäre, existieren sodann auch noch Prädikate nicht amtlicher Organisationen, Verbände usw.

Angesichts dieses skizzierten Kaleidoskops an Begriffen mit unterschiedlichem rechtlichen Gehalt und Bindungswirkung im Flächenschutz wird zunächst diese Vielfalt geordnet und der Wert und speziell auch die rechtliche Verbindlichkeit der jeweiligen Kategorien diskutiert. Dies geschieht in sechs Blöcken:

  • Schutzgebiete nach deutschem Naturschutzrecht Schutzgebiete aufgrund von EU-Recht
  • Geschützte Gebiete aufgrund weiterer deutscher Rechtsvorschriften
  • Schutzgebiete und Naturschutzmaßnahmen aufgrund internationaler und regionaler zwischenstaatlicher Übereinkommen und Programme
  • Schutzgebietsprädikate offizieller Stellen
  • Prädikate (Schutzgebietsvorschläge) nicht amtlicher Stellen.

Des Weiteren werden die Stärken und Schwächen der einzelnen Kategorien diskutiert und nach den Prädikatskategorien aufgeschlüsselt. Anschließend werden den rechtsverbindlichen Schutzgebietskategorien Vorschläge für Optimierungen sowie für Straffung, Vereinheitlichung und für einen stärker hierarchischen Ansatz unterbreitet. Ein komprimierter Ausblick auf die wichtigsten naturschutzfachlichen und konzeptionellen Probleme im gesetzlichen Flächenschutz rundet den Beitrag ab.


2. Dr. Peter Finck, Bundesamt für Naturschutz, Bonn:
Vom Einzelgebiet zum Verbundsystem - Leitbilder und konzeptionelle Ansätze zur Implementierung von Schutzgebietssystemen

Seit der Tagung des Deutschen Rates für Landespflege zum Thema "Integrierter Gebietsschutz" im März 1981 in Hannover hat sich die grundsätzliche Situation bzgl. der Etablierung von Schutzgebietssystemen wenig verändert. Der Bestand an Naturschutzgebieten ist bezogen auf die alten Bundesländer zwar mehr als dreimal so hoch wie vor 20 Jahren dies gilt sowohl für ihren Anzahl als auch ihren Flächenanteil und auch der Bestand an Nationalparken und sonstigen Großschutzgebieten ist insbesondere nach 1990 in ganz Deutschland erheblich angestiegen. Dennoch werden Schutzgebiete auch heute noch mehr aufgrund oft zufälliger und spontaner örtlicher Initiative als aufgrund eines wissenschaftlichen Gesamtkonzeptes eingerichtet.

Eine gewisse Ausnahme von diesem Schema bildet das Nationalparkprogramm der letzten DDR Regierung, obwohl auch hier der Zufall eine nicht unwesentliche Rolle dabei gespielt hat, welche Gebiete letztendlich Bestandteil des Programms geworden sind. Zumindest auf der konzeptionellen und zum Teil auch auf der planerischen Ebene gibt es inzwischen allerdings eine Reihe neuerer Ansätze, den Flächenschutz innerhalb kohärenter Konzepte zu entwickeln. Zu nennen sind hier besonders Vorrangflächenkonzepte des Naturschutzes und Biotopverbundplanungen. Außerdem werden durch die Implementierung von europäischen Schutzgebietssystemen (NATURA 2000 System der Europäischen Gemeinschaft; EMERALD System des Europarates) auch in Deutschland Schutzgebietssysteme geschaffen, denen zumindest von ihrer Intention her kohärente Ansätze zugrunde liegen. Einige dieser Konzepte für einen "Integrierten Gebietsschutz" werden hier vorgestellt und ein Ausblick bezüglich ihrer Umsetzung gegeben.


3. Prof. Dr. Beate Jessel, Lehrstuhl für Landschaftsplanung der Universität Potsdam:
Schutzgebietssysteme und ihre planerische Vorbereitung

1. Rolle von Schutzgebietssystemen im Zielespektrum des Naturschutzes Naturschutz bedarf eines breit gefächerten Zielespektrums, das von „Tun“, d.h. von Schutz und Pflege der (Kultur-)Landschaft hin zum "Unterlassen", dem Gewähren von Dynamik und freier Entwicklung reicht. Schutzgebiete ersetzen dabei – obwohl in unterschiedlicher Intensität bezüglich der durchsetzbaren Anforderungen angelegt – nicht den Gedanken eines integrierten Naturschutzes auf der ganzen Fläche. Dies bleibt um so mehr zu betonen als in der öffentlichen Diskussion um Naturschutzbelange in der letzten Zeit wieder eine Tendenz zu verstärkter Segregation zu verzeichnen ist, der gerade auch die im Rahmen der Umsetzung der FFH-Richtlinie auszuweisenden Natura 2000-Gebiete Vorschub leisten.

2. Bedeutung der Landschaftsplanung und räumlichen Planung für die Konzeption von Schutzgebietssystemen Die Planungshierarchie der Landschaftsplanung als das Instrument zur Formulierung der Erfordernisse und Maßnahmen zur Verwirklichung der Ziele des Naturschutzes vermag in puncto Schutzgebietssysteme u.a. - einen Abgleich verschiedener, u.U. untereinander konkurrierender Ziele und Leitbilder zu leisten, um diese gleichermaßen in der Fläche zu berücksichtigen und neben dem klassischen Arten- und Biotopschutz verstärkt auch Belange des abiotischen Ressourcenschutzes einzubringen, - eine räumliche und konzeptionelle Kulisse etwa von Schutzgebietsvorschlägen im Rahmen der Landschaftsrahmenplanung sowie von Vorrang- und Vorbehaltsgebieten auf regionalplanerischer Ebene bereitzustellen und diese Vorstellungen abzusichern, - einen Abgleich von Nutzungsansprüchen auf planerischer Ebene herbeizuführen, - Bewertungsmaßstäbe für Eingriffe auch in Schutzgebiete bereitzustellen, auf Grundlage von § 20c BNatSchG landesrechtlich geschützte Biotope darzustellen bzw. zu kennzeichnen, die nicht in allen Bundesländern über Biotopkartierungen vollständig erfasst sind.

Probleme liegen allerdings u.a. - im Dilemma einer flächendeckend und überwiegend konzeptionell angelegten Planung, die für die Ausweisung eines Schutzgebietes erforderliche Detailkenntnisse nicht ersetzen kann. - in der Filterung der naturschutzfachlichen Ziele bei Integration in die räumliche Gesamtplanung und die Flächennutzungsplanung. Insbesondere in Bundesländern mit Primärintegration der Landschaftsplanung wird daher ergänzend auf eigene, von der Naturschutzverwaltung erstellte Zielkonzepte zurückgegriffen (ABSP in Bayern, VBS in Rheinland-Pfalz). - in der Tatsache, dass die Planungshierarchie nicht schlüssig von „oben“ nach „unten“ funktioniert, sondern örtliche und überörtliche Planwerke oft parallel bzw. nicht hinreichend aufeinander abgestimmt erstellt werden. - in unterschiedlichen Regelungsmodellen einzelner Bundesländer; diese werden für die Landschaftsrahmen- und die örtliche Landschaftsplanung exemplarisch angesprochen.

3. Konzeptionelle Vorbereitung von Schutzgebietsausweisungen durch die Landschaftsrahmenplanung – zwei Beispiele Landschaftsentwicklungskonzepte in Bayern: Umfassende zunächst informelle, innerfachlich abgestimmte Zielkonzepte, die Vorschläge für Natur- und Landschaftsschutzgebiete sowie ressourcenbezogen landschaftliche Vorbehaltsgebiete formulieren. Betonung einer ausführlichen und genau dokumentierten Herleitung, von der man sich eine Stärkung der Belange bei Integration in die Regionalplanung erhofft. Problem des Fehlens landschaftlicher Vorranggebiete in Bayern. Landschaftsrahmenplan für den Landkreis Prignitz, Brandenburg: Betonung des Adressatenbezuges mit gesonderter thematischer Aufbereitung der Integrationsvorschläge in die räumliche Gesamtplanung. Neben Schutzgebietskonzeption Vorschläge für Vorranggebiete und nach Biotoptypengruppen differenziertes regionales Verbundkonzept.

4. NATURA 2000 als Ansatz eines europäischen Schutzgebietssystems und Verbindungen zur Landschaftsplanung Verbindungen zur Landschaftsplanung bestehen insbesondere durch eine mögliche Unterstützung bei der Formulierung der Erhaltungsziele, der Bereitstellung von Bewertungsmaßstäben für die Bestimmung erheblicher Beeinträchtigungen im Rahmen von Verträglichkeitsprüfungen und die Ausfüllung des Kriteriums „Kohärenz“. Chancen eines Bezuges zur Landschaftsplanung werden u. a. darin gesehen, dass neben einem konservierenden Arten- und Biotopschutz auch die Berücksichtigung von Standortvoraussetzungen und Entwicklungspotentialen erfolgt.


4. Helmut Luding, Bayerisches Landesamt für Umweltschutz, Außenstelle Nordbayern, Kulmbach:
Schutzgebiete und ihre Bedeutung im Rahmen des Bayerischen Arten- und Biotopschutzprogramms: Umsetzungsprojekt "Heiden im Norden von München"

Die Schutzgebiete sind wertvolle Flächen unserer Kulturlandschaft und verdienen deshalb besondere Aufmerksamkeit in der Naturschutzarbeit. Die Integration von Schutzgebieten in das Arten- und Biotopschutzprogramm (ABSP) kann ihre Effektivität erheblich verbessern. Das ABSP stellt den Gesamtrahmen aller für den Arten- und Biotopschutz notwendigen Maßnahmen des Naturschutzes und der Landschaftspflege in Bayern dar.

Der Aufbau eines Biotopverbundsystems in Bayern soll mit Hilfe des ABSP verwirklicht werden. Schutzgebiete, vor allem Naturschutzgebiete, spielen im ABSP und insbesondere den Planungen zum Biotopverbund eine zentrale Rolle. Damit bietet das ABSP die Möglichkeit funktionale Beziehungen über die Schutzgebietsgrenzen hinaus stärker zu berücksichtigen.

Der Bekanntheitsgrad und die hohe Akzeptanz des ABSP über Naturschutzkreise hinaus, z. B. bei Gemeinden, Landkreisen und Verbänden, bietet gute Voraussetzungen für die Verwirklichung der Ziele des Naturschutzes. Es gilt jedoch, dass erst die Umsetzung der Ziele des ABSP die ökologische Vielfalt erhält. Anhand des ABSP- Umsetzungsprojekts „Heiden im Norden von München“ sollen die Möglichkeiten aufgezeigt werden, die für eine Sicherung, Verbesserung und Entwicklung von Schutzgebieten durch den Aufbau eines Biotopverbunds förderlich sein können.


5. Dr. Jürgen Pusch, Naturschutzgroßprojekt "Kyffhäuser", Sondershausen:
Praktische Erfahrungen bei der Umsetzung - Pflege von Schutzgebieten vor Ort

Seit August 1997 laufen die Arbeiten am Naturschutzgroßprojekt "Kyffhäuser", einem Projekt von Bund, Land und Kyffhäuserkreis. Im Laufe von 10 Jahren werden durch beträchtliche Fördermittel von insgesamt etwa 11,5 Mio. DM (wovon der Bund 75 %, der Freistaat Thüringen 15 % und der Kyffhäuserkreis als Projektträger 10 % tragen) umfangreiche Naturschutzaufgaben umgesetzt. In der Bundesrepublik Deutschland wurden insgesamt 48 Naturschutzgroßprojekte begonnen, wobei hiervon 20 bereits abgeschlossen sind. Die Naturschutzgroßprojekte des Bundes haben das Ziel, gesamtstaatlich repräsentative Gebiete der Bundesrepublik Deutschland mit einer besonders wertgebenden Naturausstattung zu fördern und in Form von zusammenhängenden Naturschutzgebieten langfristig zu sichern. Als Instrumentarien hierfür sind vor allem der Grunderwerb (Landankauf), biotoplenkende Maßnahmen (Landschaftspflegemaßnahmen) und die Erstellung eines flächenscharfen Pflege- und Entwicklungsplanes zu nennen.

Die Projekte sind in der Regel an Zweckverbände oder wie im Falle des Naturschutzgroßprojektes "Kyffhäuser" an Landkreise als Projektträger gebunden. In den Jahren 1997 bis 2000 wurden im Rahmen der Biotopflege durch das Naturschutzgroßprojekt insgesamt etwa 72 Hektar naturschutzfachlich bedeutsame Flächen gepflegt. Diese Maßnahme konzentrierte sich im wesentlichen auf die Entbuschung und Erstmahd artenreicher Magerrasen sowie die Pflege und Erneuerung alter Streuobstwiesen. Hierfür wurden Mittel im Umfang von über 600.000 DM verwendet. Bei den Pflegemaßnahmen wurde großer Wert darauf gelegt, wieder zusammenhängende und gut beweidbare Weideflächen für Schafe und Ziegen zu schaffen, so dass die "erstgepflegten Flächen" durch eine regelmäßige extensive Weidewirtschaft mittel- und langfristig offen gehalten werden können. Die offenen, extensiv beweideten Gipsmagerrasen sind die wichtigsten Häufungszentren der wertgebenden Tier- und Pflanzengemeinschaften des Kyffhäusergebietes, deren Erhalt ein wesentliches Ziel des Großprojektes darstellt.


6. Prof. Dr. Hubert Weiger, Bund Naturschutz in Bayern, Regensburg:
Der Konflikt Statik versus Dynamik bei der Einrichtung und Sicherung von Schutzgebieten und -systemen

Der deutsche Naturschutz war in seiner Anfangsphase geprägt von Schutzbemühungen um einzelne Landschaftsausschnitte oder Vorkommen einzelner bedeutsamer Arten. Aspekte des Landschaftsbildes und der Ästhetik standen im Vordergrund. Viele der frühen Schutzgebiete waren Einzelobjekte der Kulturlandschaft, bei denen als Erhaltungsziel die Erhaltung bestimmter, eher statischer Landschaftszustände angestrebt wurde. Bei naturnahen Schutzgebieten handelte es sich oft um Moore oder Felsformationen, also um Lebensräume mit eher geringer Dynamik. Defizite wies die Einrichtung von Schutzgebieten über Jahrzehnte nicht nur im Bereich der offenen Agrarlandschaften sondern auch im Bereich von durch natürliche Dynamik stärker geprägten Lebensräumen, wie z. B. Fließgewässer und Auen oder der Sicherung der natürlichen Dynamik von Wäldern mit alten Bäumen, Zerfallsphasen, Totholzanteilen etc. auf.

In der heutigen Naturschutzdiskussion kommt dynamischen, natürlichen Prozessen eine wesentlich stärkere Rolle zu. Viele Arten sind an dynamische Prozesse, z. B. Reife- u. Zerfallsphasen in Wäldern oder an die dynamische Veränderung von Fließgewässern, d. h. Störungen, angepaßt. Arten der Extremstandorte sind damit auf Dynamik angewiesen und sind deshalb besonders gefährdet. Diese Änderungen in der Leitbilddiskussion des Naturschutzes muß verknüpft werden mit neueren Überlegungen, für welche Arten in internationalem Maßstab der deutsche Naturschutz Verantwortung trägt (z. B. Buche, Rotmilan).

Neue Schutzgebiete sollten daher verstärkt dazu beitragen, großflächige, sich selbst überlassene Landschaftsbereiche zu sichern. Flußauen, Wälder oder Sukzessionsflächen wie Truppenübungsplätze, Grünes Band oder Bergbaufolgelandschaften bieten sich an. "Wildnisschutzgebiete" sollten als zusätzliche Schutzkategorie eingeführt werden. Die IUCN sieht in ihren Management-Kategorien seit 1994 neben den traditionellen Naturschutzgebieten und Nationalparken sog. Wildnisschutzgebiete vor. Wildnisgebiete haben auch in Deutschland eine Perspektive und sollten künftig stärker in die Diskussionen mit ein bezogen werden (siehe auch "Wildniskampagne" des BN / BUND). Dabei sind erhebliche Vorbehalte und Konflikte nicht nur mit der breiten Öffentlichkeit oder Verwaltungen zu erwarten (z. B. Borkenkäfer Nationalpark Bayerischer Wald; Umgang mit Windwurfflächen), sondern auch erhebliche Zielkonflikte mit Vertretern eines auf einzelne attraktive Arten oder Artengruppen fixierten isolierten Artenschutzes.

Entscheidende Bedeutung wird das öffentliche Werben für das Zulassen dynamischer Veränderungen in der Landschaft und in Schutzgebieten haben. In der Bevölkerung besteht ein besseres Verständnis für "aufgeräumte" (halb-) offene und übersichtliche Standorte als für Dynamik und für Wildnis. Bei der Einrichtung von Schutzgebieten muss der Bevölkerung die Angst vor dynamischen Prozessen genommen werden.

Eine Vielzahl von Artvorkommen und Biotoptypen ist in der Kulturlandschaft allerdings nicht über Schutzgebietssysteme sondern v. a. durch Beibehaltung oder Wiedereinführung extensiver Landnutzungsformen zu erhalten. Die Anstrengungen zur Zusammenarbeit Naturschutz mit naturnahem Waldbau und ökologischer Landwirtschaft sind inklusive der gemeinsamen Bemühungen zur Regionalvermarktung weiter zu erhöhen, wobei in diese Nutzungssysteme eine Pflicht zur Ausweisung von 5-10 % der Nutzfläche für ungenutzte Strukturen einzuführen ist. In diesem Übergangsbereich zwischen klassischen Schutzgebieten und extensiven Landnutzungsformen kommt der inhaltlichen Weiterentwicklung der Landschaftsschutzgebiete oder der deutschen Naturparke in Richtung Biosphärenreservate eine besondere Bedeutung zu.

Es geht bei Statik oder Dynamik nicht um ein "entweder- oder", sondern ein "sowohl - als auch": Nötig ist sowohl bewahrender Naturschutz von längst ins Minimum geratenen (halb-) offenen, mageren und oft nutzungsgeprägten Standorten als auch Dynamik, d. h. Prozessschutz und Zulassen naturbelassener Sukzessionsstadien (Wildnis). Sie sollten nicht konkurrieren, sondern sich flächenmäßig ergänzen nach dem Motto "Soviel Dynamik wie möglich - soviel Pflege wie nötig".


7. Margret Brahms, Ministerium für Umwelt, Natur und Forsten des Landes Schleswig-Holstein, Kiel:
Die Umsetzung von Schutzgebietssystemen und die Vermittlung ihrer Bedeutung aus der Sicht der Naturschutzverwaltung

Ausgehend vom Naturschutzgesetz des Landes Schleswig-Holstein, der EU-rechtlichen Vorgaben der Flora-Fauna-Habitat- und der Vogelschutzrichtlinie sowie der einschlägigen internationalen Abkommen (Ramsar-Konvention, Helsinki-Konvention) werden die fachlichen und planerischen Grundlagen für die Ausweisung von Schutzgebietssystemen gezeigt.

Das Landesnaturschutzgesetz fordert in § 1 ein Schutzgebiets- und Biotopverbundsystem, welches charakterisiert ist durch Räume und Gebiete, in denen naturbetonte sowie besonders vielfältige kulturgeprägte Lebensräume erhalten und entwickelt werden sollen. Darin enthalten sind die gemäß §1 LNatSchG vorrangigen Flächen für den Naturschutz im Umfang von 15% der Landesfläche. Das Schutzgebiets- und Biotopverbundsystem mit den vorrangigen Flächen baut auf vorliegenden Erhebungen auf (z.B. landesweite Biotopkartierung). Im Rahmen der Landschaftsplanung (Landschaftsprogramm, Landschaftsrahmenpläne) wird das Schutzgebiets- und Biotopverbundsystem konzipiert und kartographisch maßstabgerecht dargestellt und es werden entsprechende Maßnahmen zur Sicherstellung bzw. Entwicklung der Gebiete genannt. Auf der lokalen Ebene werden die Abgrenzungen der übergeordneten Landschaftsplanung aufgegriffen und im Landschaftsplan kleinräumig differenziert.

Die Instrumente zur Umsetzung des Schutzgebiets- und Biotopverbundsystems sind vielfältig und auf die jeweiligen Bedingungen abzustimmen. Neben dem klassischen Ordnungsrecht (Nationalpark, Naturschutzgebiet, Landschaftsschutzgebiet) tragen Grunderwerb, Vertragsnaturschutz im Agrarbereich und im Privatwald, freiwillige Vereinbarungen mit Grundeigentümern sowie die Festlegung von Naturwäldern im Landeswald zur Umsetzung des Biotopverbundes bei. Auch werden Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen, insbesondere für Großprojekte, gezielt in Bereiche des Schutzgebiets- und Biotopverbundsystems geleitet.

Die Vermittlung der Bedeutung des Schutzgebiets- und Biotopverbundsystems erfolgt im Rahmen der Landschafts- und Landesplanung, im Vorfeld der Meldung von NATURA 2000-Gebieten, im Unterschutzstellungsverfahren bzw. im Rahmen von Verhandlungen über freiwillige Vereinbarungen. Runde Tische, Regionalkonferenzen, Imagekampagnen und gezielte Pressearbeit tragen zur Vermittlung der Bedeutung des Schutzgebietssystems bei.


8. Prof. Dr. Wilfried Stichmann, Nordrhein-Westfalen-Stiftung für Naturschutz, Heimat- und Kulturpflege Düsseldorf/ Möhnesee:
Die Rolle der NRW-Stiftung bei der Förderung von Naturschutzgebieten und der Entwicklung von Akzeptanz für den Naturschutz

Die Nordrhein-Westfalen-Stiftung (NRW-Stiftung) für Naturschutz, Heimat- und Kulturpflege gehört zu den größeren Naturschutz-Landesstiftungen in der Bundesrepublik. Neben etlichen Gemeinsamkeiten mit ähnlichen Stiftungen anderer Bundesländer gibt es Besonderheiten, auf die hier vorrangig eingegangen werden soll.

Seit ihrer Gründung (1986) hat die NRW-Stiftung zahlreiche für den Naturschutz bedeutsame Gebiete mit einer Gesamtfläche von 3.245 Hektar erworben und dafür rund 78 Mio. DM aufgewandt. Für weiteren Flächenerwerb der Naturschutzverbände hat die Stiftung einen Zuschuss geleistet. Nach dem Land ist - mit großem Abstand - die NRW-Stiftung der zweitgrößte Eigentümer von Naturschutzflächen in Nordrhein-Westfalen. Allerdings ist sie infolge rückläufiger Einnahmen gegenwärtig nicht in der Lage, jährlich über 5,5 Mio. DM für Flächenerwerb für den Naturschutz zu garantieren, wie man aus der Umrechnung von 78 Mio. DM auf 14 Jahre abzuleiten geneigt sein möchte. Gleichzeitig gehen bedauerlicherweise die im Landeshaushalt für den Flächenankauf für den Naturschutz eingestellten Mittel ebenfalls zurück: von 6,7 Mio. DM in 1999 auf 5,0 Mio. DM in 2000 und mit erwarteten weiteren Abstrichen in den nächsten Jahren.

Die NRW-Stiftung verfolgt mit ihren Ankäufen keineswegs das Ziel, die rückläufigen Aktivitäten des Landes auf dem Gebiet des Flächenerwerbs zu kompensieren. Sie handelt vielmehr nach ihrer eigenen Naturschutzphilosophie, die sich vor allem aus den zwei Zielrichtungen der Stiftung ergibt: einerseits Naturschutz und andererseits Heimat- und Kulturpflege.

Projekte, bei denen beide Zielrichtungen zusammengeführt werden können (z. B. im Fall historischer Kulturlandschaften), genießen Priorität. In jedem Falle aber wird ernsthaft versucht, den Menschen - und nicht nur den Experten und den Verbandsvertreter - in die Entwicklung von Konzepten für anzukaufende Flächen einzubeziehen. Die Förderung der Akzeptanz des Naturschutzes in der Öffentlichkeit ist ein wichtiges Anliegen. In den stiftungseigenen Naturschutzgebieten sollen - soweit es mit den Schutzzielen vereinbar ist - den Menschen Chancen zur Naturbegegnung und zum Naturerlebnis, zur Umweltbildung und zur Identifikation mit der Landschaft und dem Schutzgebiet eröffnet werden.

Um Aufmerksamkeit und Akzeptanz für den Naturschutz zu steigern und ihn letztlich im demokratischen Sinne mehrheitsfähig zu machen, geht die NRW-Stiftung zum Teil auch unübliche Wege, indem sie in der Öffentlichkeit durch die Medien bekannte Persönlichkeiten als Paten für ihre Naturschutzgebiete gewinnt.

So ist seit 1992 der Kabarettist Hanns Dieter Hüsch ein engagierter Freund des Naturschutzgebietes "Hetter"; er hat seither acht Benefizveranstaltungen für Naturschutzprojekte der Stiftung durchgeführt, den Erlös seines Buches "Überall ist Niederrhein" gespendet und 280.000,-- DM Spendengelder eingeworben. Der Kabarettist Wendelin Haverkamp setzt sich seit 1994 für das Naturschutzgebiet Dingdener Heide ein. Der Fernsehjournalist Jean Pütz ist seit 1997 Pate für die Stiftungsflächen in den Eifeltälern, u. a. für die bekannten Narzissenwiesen, und moderierte bereits mehrfach größere Festveranstaltungen der NRW-Stiftung in der Eifel.

In allen Fällen ist auf die Patenschaften ein starkes und durchweg positives Echo in den Medien zu registrieren, das zusätzlich dazu beiträgt, den Naturschutz über den Kreis der Naturschutz-Insider hinaus zu tragen, und das Ziel unterstreicht, Naturschutz zu einer Sache größerer Teile der Bevölkerung und letztlich zu einem gesamtgesellschaftlichen Anliegen zu machen.

Besonders wichtig für die Stiftung ist die Zusammenarbeit mit den Naturschutzverbänden, deren bereits vorausgegangenes ehrenamtliches Engagement und deren Bereitschaft und Fähigkeit zur fachlich fundierten Gebietsbetreuung nach der Schutzwürdigkeit und ggf. auch nach der akuten Gefährdung eines Gebietes oft wichtige Kriterien für die Auswahl von Ankaufflächen für den Naturschutz sind. In der Regel begnügt sich die Stiftung nicht allein mit dem Ankauf, sondern nimmt meistens im weiteren Verlauf durchaus auch selbst Einfluß auf die konzeptionelle Entwicklung und deren Umsetzung in der Praxis.

Daß die NRW-Stiftung nicht in der Lage ist, in allen an sie herangetragenen und von ihr als wichtig und sinnvoll beurteilten Fällen zuzugreifen, versteht sich ebenso von selbst wie die Tatsache, daß der Zwang zur Prioritätensetzung und zur Auswahl für Stiftungsrat und -vorstand oft hart und schmerzhaft ist. Dafür entschädigt werden alle Beteiligten durch die Gewißheit, daß die ausgewählten und letztendlich angekauften Gebiete durch die Überführung in das Stiftungseigentum optimale Voraussetzungen für ihren Schutz und ihre Entwicklung erlangen.


9. Dr. Richard Maurer, Baudepartment des Kantons Aargau, Sektion Natur und Landschaft Aargau:
Schutzgebiete, ökologische Aufwertung der Kulturlandschaft und Evaluation der Naturschutzpolitik

1. Steuerung durch Erfolgskontrolle im Naturschutz: Herkunft der Idee im Aargau/CH Die Landschaft des Aargaus/Schweiz (1440 km2) ist überdurchschnittlich mit Baugebiet, Infrastruktur, Verkehr etc. belastet, die Gefährdung der Pflanzen- und Tierwelt doppelt so hoch wie in der übrigen Schweiz. Daher ist neben dem Schutz der Vorrangflächen für Biotopschutz die Aufwertung der Kulturlandschaft gefordert. Vier Mittelfristprogramme sind zu diesem Zweck als Leistungsvereinbarungen zwischen Parlament und Regierung eingeleitet worden; unverzichtbare Steuerungselemente sind Wirkungs-, Umsetzungs- und Zielkontrolle.

2. Grundsätze von Erfolgskontrolle und Monitoring, Steuerungsprozess Bei Erfolgskontrolle (EK) und Dauerbeobachtung (= Monitoring) sind einige Grundsätze aus der Erfahrung heraus zu beachten. Von Bedeutung sind u.a. der Unterschied Monitoring – Erfolgskontrolle, die Ablaufplanung eines Naturschutzprojektes, die Zusammenhänge zwischen Zielen, Ressourcen und Verfahren („Teufelsdreieck“), die Erfolgsmasse, das Steuerungsmodell als „Zweckursache“ (s. Abb.), die Ablaufplanung eines Erfolgskontrolleprojektes.

3. Anwendungsbeispiele aus dem Kontrollprogramm Aargau/Schweiz Einige Anwendungsbeispiele aus dem Kontrollprogramms illustrieren die wichtigsten Grundsätze: Zur Wirkungskontrolle das Beispiel Vertragsnaturschutz und ein Beispiel zum Unterhalt eines Schutzgebietes; zur Umsetzungskontrolle der Vertragsnaturschutz und die Umsetzungskontrolle im Projektablauf; zur Zielkontrolle das Projekt Flachsee Unterlunkhofen und das Mehrjahresprogramm Natur 2001; zur Dauerbeobachtung die Überwachung der biologischen Vielfalt der Kulturlandschaft und der Kessler-Index, mit dem die biologische Qualität der „Durchschnittslandschaft“ charakterisiert wird sowie ein Ausblick auf das Biodiversitätsmonitoring Schweiz.

4. Kontrollprogramm Natur und Landschaft im Aargau Das Kontrollprogramm Natur und Landschaft – vom Parlament i. S. der wirkungsorientierten Verwaltungsführung gefordert – besteht zur Zeit aus ca. 24 Teilprojekten. Nicht alles kann kontrolliert werden. Die 10%-Regel ist eine Übereinkunft: Projekte, welche mehr als 10% des Gesamtbudgets beanspruchen, sind obligatorisch einer EK zu unterziehen; die EK darf aber nicht mehr als 10% des Projektes kosten (i. d. Regel wesentlich weniger, 1-3%). Das komplexe Programm unterliegt einem straffen Jahresablauf mit obligatorischem Reporting.

5. Rückkoppelung mit der Politik Erst die Rückkoppelung mit der politischen Steuerung legitimiert die Kontrollprojekte. Die Ergebnisse der Erfolgskontrolle- und Monitoringprojekte sind in einer integrierenden Berichterstattung zusammenzufassen. Sie muss Korrekturvorschläge für die politische Planung ermöglichen. Auf übergeordneter Ebene ist die Wirkungskontrolle der Naturschutzpolitik somit obligatorischer Bestandteil einer nachhaltigen Umweltpolitik.


10. Prof. Dr. Klaus Dierßen, Ökologiezentrum der Universität Kiel:
Was ist Erfolg im Naturschutz? Ist Naturschutz nach den existierenden Schutzgebietskategorien noch zeitgemäß oder müssen neue Wege gegangen werden?

Erfolg ist zielkonnotiert. Eine Vielfalt an Zielen erfordert eine entsprechende Vielzahl an Erfolgen und die angemessenen Kontrollen einer Zielerfüllung.

Das Zielsystem des nationalen Naturschutzgesetzes und internationaler Regelungen ist im Prinzip übersichtlich. Komplex und ausufernd ist demgegenüber die Vielzahl nachgesetzlicher Regelungen, Vorgaben und Durchführungsverordnungen. Ein gesteigerter Verwaltungsaufwand zum Erreichen von Etappenzielen (i.e. Formulierung von politisch-administrativen Zielvorgaben, Verordnungen, Entwicklungskonzepten, Anträgen auf Fördermittel und Abwehr von Restriktionen) führt letztlich (allenfalls) zu einer Vielzahl "vor Ort" schwer umsetzbarer Einzelmaßnahmen auf einer steigenden Anzahl von Flächen mit unterschiedlichem Schutzstatus und von unterschiedlicher Qualität.

Die bei der Umsetzung von Naturschutzzielen auftretenden Probleme lassen sich nicht primär an (abstrakten) Schutzgebietskategorien festmachen. Bei wachsendem administrativen und finanziellen Aufwand für Betreuung, Kontrolle und gegebenenfalls Gefahrenabwehr bei einer steigenden Anzahl von Flächen und Objekten bleibt für Analyse und Kontrolle von Qualitäten der betroffenen konkreten Schutzgüter selbst vielfach wenig Zeit und Personal. In Konfliktfällen wird die Arbeit zunehmend vom Gelände auf die administrative Tätigkeit und (überforderte) Verwaltungsgerichte verlagert.

Gefordert sind integrative Konzepte, die verstärkt und den Schutzgütern angemessen funktionelle Aspekte ("Naturhaushalt", "Wechselwirkungen" bei der UVP) bei der Beurteilung und Entwicklung von Flächen- und (Öko-) Systemqualitäten in den Vordergrund stellen. Die angerissenen Probleme werden an zwei Fallstudien vertieft: am Beispiel kontrovers diskutierter Zielkonzepte in küstengebundenen Nationalparks und einem geplanten Eingriffsvorhaben in eine als vorgeschlagenes FFH-Gebiet geschützte Fläche bei Hamburg.

letzte Aktualisierung: 25.01.2007