Landschaft und Heimat

Kurzfassungen der Vorträge

  1. Rainer Beck: Ästhetik des Schachbretts: Zur Rationalisierung der Naturgestalt im Zuge der Aufklärung
  2. Konrad Ott: Heimatargumente als Naturschutzbegründungen in Geschichte und Gegenwart
  3. Werner Konold: Stein und Wasser im Bild der Heimat
  4. Günter Bayerl: Verdrahtung und Verspargelung der Heimat
  5. Michael Flitner: Die "heimatliche Landschaft" als zeitliches Konstrukt
  6. Sylvia Greiffenhagen: Politische Kulturlandschaften
  7. Kenneth Anders: Wiederaneignung entfremdeter Heimat: Die Kolonialisierung ehemaliger Truppenübungsplätze
  8. Franz Höchtl: Wildnis frisst Heimat. Erkenntnisse aus dem Val Grande-Nationalpark in Piemont
  9. Josef Heringer: Inszenierung von Kulturlandschaft
  10. Martin Blümcke: Der Schwäbische Heimatbund: Arbeit für die Kulturlandschaft
  11. Jörg Leist: Heimatpflege braucht Landschaftspflege
  12. Wolfgang Thiem: Sind Denkmallandschaften konservierte, statische Heimat?
  13. Wolfgang Haber: Pflege des Landes - Verantwortung für Landschaft und Heimat
  14. Mario F. Broggi: Eckpunkte einer europäischen Kulturlandschaftsforschung

 


1. PD Dr. Reiner Beck, Unterfinning:
Ästhetik des Schachbretts: Zur Rationalisierung der Naturgestalt im Zuge der Aufklärung

Auf den ersten Blick scheint sich die Gesellschaft der Aufklärung - ganz im Unterschied zu jener der Klassik - dem schwärmerischen Ideal einer "freien" und "unberührten Natur" verschrieben zu haben. In seltsamen Kontrast zu ihren literarischen oder gärtnerischen Ideallandschaften verfochten zur gleichen Zeit die Vertreter einer praktischen Aufklärung die Umgestaltung der ‚wirklichen' Landschaft in einen eher rektangulär geordneten und ganz und gar unromantischen Raum. Was die Zukunft unserer Kulturlandschaft betrifft, waren deren ästhetischen Visionen die bedeutsameren. Denn das Ideal der "freien Natur" hatte sich vor dem Hintergrund eines Fortschrittsprojektes entwickelt, das realiter - als Bedingung der ökonomischen und sozialen Prosperität oder "Glückseligkeit" bürgerlicher Gesellschaft - alle natürlichen Ressourcen des Landes einer intensiveren Nutzung zuzuführen gedachte. Die Umgestaltung herkömmlicher Kulturlandschaft - einer Landschaft, die nun radikal in ihrer Qualität als reale oder optionale Bodenressource ins Visier geriet - gehörte von Anbeginn zu den zentralen Projekten der Aufklärungszeit. Im Zuge dieser Umgestaltung sollte endlich alle "Ödnis", alle "wilde Natur" - Heiden, Moore, Brachen und ungeordnete Wälder - einer flächendeckenden agrarischen oder waldbaulichen Intensivkultur weichen, - einer rationalen Ordnung und Kultur, deren "Idealgestalt" weit mehr das Schachbrett repräsentierte als die undulierten Linien künstlich-natürlicher Landschaftsparks.


2. Prof. Dr. Konrad Ott, Professur für Umweltethik am Botanischen Institut, Universität Greifswald, Mitglied des DRL:
Heimatargumente als Naturschutzbegründungen in Geschichte und Gegenwart

Der Vortrag wird zunächst den Gründen für die gegenwärtig unübersehbare Renaissance des Heimatgedankens in Naturschutz und Landesplanung nachgehen (I). Er wird sich anschließend mit der Geschichte des deutschen Heimatschutzes kritisch auseinandersetzen (II) und in diesem Zusammenhang ein besonderes Augenmerk den ethischen Ambivalenzen des Heimatschutzes widmen (III). Darauf aufbauend, werden unterschiedliche philosophische Heimatkonzeptionen analysiert (IV). In einem weiteren Schritt soll die Bedeutung des Heimat-Argumentes im Argumentationsraum der heutigen Umweltethik genauer bestimmt werden (V). Zuletzt sollen Möglichkeiten für einen ethisch reflektierten Umgang mit Heimatschutzargumenten aufgezeigt werden (VI).


3. Prof. Dr. Werner Konold, Institut für Landespflege, Universität Freiburg, Sprecher des DRL:
Stein und Wasser im Bild der Heimatlandschaft

Heimatlandschaft soll als der Lebensraum verstanden werden, in dem sich ein Mensch materiell, sozial und auch von seinem physischen Umfeld her verortet fühlt, selbstbestimmt Einfluss nehmen und gestalten kann. Die physische Heimat kann mit einer Kulturlandschaft deckungsgleich sein. Damit Landschaft Heimat ist, muss sie Formen der Vertrautheit, von Ordnung, Wegsamkeit, Spuren menschlichen Wirkens besitzen. Diese Formen stammen aus unterschiedlichen Zeitschichten und haben Anschluss an die Gegenwart. Heimatlandschaft ist immer geschichtlich und daher prädestiniert, hier und dort den Genius loci in sich zu tragen. Solche Orte sind sehr häufig am Wasser, an Gewässern gelegen, seien sie natürlicher oder künstlicher, technischer Natur. Der Mythos Wasser ist uralt und tief sitzend und er hat eine starke sinnliche und eine zweckorientierte Seite. Ausstrahlung können Gewerbe-, Bewässerungs- und Schifffahrtskanäle, Wehre und Hochwasserkanäle besitzen, wo oft genug "Natur und Menschenwerk sanft ineinander übergehen". Die von Menschenhand geschaffenen Gewässer sind in ganz besonderer Weise von Geschichtlichkeit gezeichnet und daher ganz besonders wichtige Elemente einer Heimatlandschaft.

Dessen ungeachtet gilt seit vielen Jahren in Fachkreisen die Maxime, alle Gewässer sollten nach Möglichkeit einen naturnahen Zustand erhalten; Künstlichkeit und Kulturnähe sind abwertend konnotiert. Diese Auffassung löste die seit der Aufklärung gültige Haltung ab, wonach Gewässer primär in den Dienst des Menschen zu stellen und entsprechend zu gestalten seien. Folge des Paradigmenwechsels war und ist, dass viele Wasserorte mit inkorporierter Geschichtlichkeit ignoriert, vernachlässigt und zerstört wurden. Um den Wasserorten als konstitutiven Bestandteilen der Heimatlandschaft gerecht zu werden und endlich den Genius temporis zu finden, müssen wir viel differenzierter mit den Gewässern umgehen und modifizierte Bewertungsansätze entwickeln. Das Neue muss so gestaltet werden, dass es Vertrautheit und in der Zukunft Geschichtlichkeit zu stiften imstande ist.


4. Prof. Dr. Günter Bayerl, Lehrstuhl für Technikgeschichte, Brandenburgische Technische Universität Cottbus:
Verdrahtung und Verspargelung der Heimat

Stromleitungen, Fabrikschornsteine und Windräder wurden und werden in periodischen Abständen als "Verschandelung" der Landschaft kritisiert, die "Verdrahtung und Verspargelung der Heimat" angeprangert.

Der Beitrag geht der Geschichte dieser Kritik von den Anfängen bis in die Gegenwart nach. Alle drei kritisierten Phänomene sind Elemente der technischen Infrastruktur der Industriegesellschaft, haben jedoch einen unterschiedlichen Ort in der Landschaft. Während Stromleitungen die Landschaft weiträumig linear durchschneiden und hiermit bei der Veränderung der Landschaft, dem Wandel der Heimat, eine ähnliche Funktion haben wie "Kunststraßen", Eisenbahnstrecken und Kanäle, waren Windräder als Einzelprojekte in der Landschaft verstreut und konzentrieren sich erst in jüngerer Zeit zu landschaftsdominierenden "Windparks" ("Verspargelung"). Fabrikschornsteine spielen bzw. spielten insofern eine Sonderrolle, als sie zwar auch als Einzelobjekte in der Landschaft auftauchen, im Regelfall aber in bestimmten Räumen verdichtet auftreten - sie sind typisch für eine Landschaft, die zur Industrielandschaft wird; mit diesem Wandel ist dann oftmals die Herausbildung eines spezifischen Heimatbegriffes verbunden.

Ausgehend von dieser Ortsbestimmung der technischen Artefakte in der Landschaft will der Beitrag die einzelnen Erscheinungsformen und Akteursgruppen der Kritik beschreiben und damit bestimmte Facetten des Verhältnisses Technik - Landschaft - Heimat allgemein zeigen.


5. PD Dr. Michael Flitner, Institut für Forstökonomie, Universität Freiburg:
Die "heimatliche Landschaft" als zeitliches Konstrukt

In den Bemühungen der Landschaftspflege und des Naturschutzes stehen neben bestimmten räumlichen Verhältnissen grundsätzlich auch zeitliche Dimensionen in Frage. Wieviel zeitliche Konservierung ist erwünscht? Wann wird ein Landschaftsrelikt erhaltenswert? Wie schnell gewöhnen wir uns an neue Naturzustände und Landschaftsbilder, die dann ihrerseits zu schützen wären? Welche historischen Momente werden in diesem oder jenem Fall rekonstruiert und warum nicht andere?

Der Beitrag unternimmt eine Annäherung an diese Fragen durch eine Betrachtung unterschiedlicher Zeithorizonte, die sich in der "heimatlichen Landschaft" ausmachen lassen. Dabei wird beispielhaft aufgezeigt, wie sich unterschiedliche Zeittypen (Lebenszeiten, Systemzeiten, Naturzeiten, politische Konjunkturen, biologische Rhythmen etc.) in den Vorstellungen einer bestimmten "Heimat" zusammenfügen.

Im Anschluss an die Entwicklung dieser Zeithorizonte wird ein näheres Augenmerk auf die Prozesse gelenkt, die zur Verankerung bestimmter Heimatgefühle im Laufe des individuellen Lebens beitragen. Hierbei wird die Ansicht vertreten, dass diese Prozesse aktuell großen Veränderungen unterworfen sind, die sich ihrerseits wiederum als Umformungen bestimmter Zeittypen verstehen lassen.

Von besonderer Bedeutung sind dabei aktuell Prozesse raumzeitlicher Hybridisierung, die mit einer verstärkten Mobilität der Individuen im Laufe ihres Lebens zusammenfallen und seit längerem mit dem Schlagwort der Globalisierung verknüpft werden. Nimmt man die Befunde soziologischer Zeitdiagnosen ernst, so muss sich auch die Landespflege mit neuen "Heimatkonstrukten" auseinandersetzen, die weit stärker von Brüchen und Diskontinuitäten gekennzeichnet sein werden als in der Vergangenheit. Mit diesen Brüchen und Diskontinuitäten verändern sich auch die gesellschaftlichen Ressourcen, die zugunsten bestimmter Natur- und Landschaftszustände mobilisiert werden können.


6. Prof. Dr. Sylvia Greiffenhagen, Institut für Sozialforschung und Sozialplanung GbR, Stuttgart:
Politische Kulturlandschaften

Der Titel Politische Kulturlandschaften verbindet zwei Begriffe, die normalerweise nicht zusammengebracht werden, weder umgangssprachlich noch im wissenschaftlichen Kontext: nämlich ‚politische Kultur' und ‚Landschaft'. Und doch beschreibt dieser seltene Begriff sehr anschaulich ein Phänomen, das in der politischen Praxis häufig beobachtet wird.

Landschaften sind durch unterschiedliche politische Kulturen geprägt, ebenso stark wie durch geologische oder andere ‚objektive Bedingungen'. Politische Kultur bezieht sich auf die subjektive Dimension der Politik und bezeichnet das Verteilungsmuster aller Meinungen, Einstellungen und Werte einer Bevölkerung im Blick auf Politik. Die politikwissenschaftliche Forschung beschreibt politische Kulturen gewöhnlich in größeren räumlichen und historischen Einheiten. So spricht man z.B. von der ‚politischen Kultur der Deutschen oder Briten', aber auch von der ‚politischen Kultur des Nationalsozialismus' oder der ‚politischen Kultur der fünfziger Jahre'. Als wichtige Einflussfaktoren für die Ausprägung von politischen Kulturen erachtet die Forschung u.a. die ökonomischen Bedingungen einer Region oder Zeit, religiöse und soziale Erfahrungen der Bevölkerung sowie ihren Niederschlag in Form von politischen Traditionen und Institutionen.

Für das Thema "Landschaft und Heimat" sind insbesondere lokale und regionale politische Kulturen von Interesse: Wie entstehen politische Kulturlandschaften? Welche Faktoren bestimmen politische Landschaften im Wandel der Zeiten? Welche Effekte politischer Traditionen und Sozialisationen, eines ‚kollektiven politischen Gedächtnisses von Landschaft und Heimat' sind für die gegenwärtige Politik zu erwarten? Was bringt das wissenschaftliche Konzept der ‚politischen Kultur' für das Thema "Landschaft und Heimat"? - Um solche Fragen soll es im Vortrag gehen.

 


7. Dr. Kenneth Anders, Schiffmühle:
Wiederaneignung entfremdeter Heimat: Die Kolonialisierung ehemaliger Truppenübungsplätze

Die Truppenübungsplätze des 20. Jahrhunderts wurden trotz der rigiden Landnahmepraktiken des Militärs meist auf Flächen mit vergleichsweise geringem Nutzungsdruck eingerichtet, um mögliche Konflikte zu vermeiden. Historische Heimatbeziehungen von Anwohnern zu diesen Flächen haben deshalb oftmals einen peripheren Charakter, der durch forstliche, subsistenzwirtschaftliche und jagdliche Nutzung, durch Wegebeziehungen und mythische Perspektiven geprägt ist. Ortschaften waren, im Gegensatz zu Tagebaugebieten, nur in Ausnahmefällen betroffen, in vielen Fällen waren sie bereits im 19. Jahrhundert aufgegeben worden. Die dadurch gegebene Distanz ist durch den jahrzehntelangen militärischen Übungsbetrieb erheblich größer geworden. Nach der Freisetzung der Truppenübungsplätze offenbart sich das Verhältnis der Anwohner zu den Flächen oft als Nicht-Verhältnis. Lediglich fragmentierte Heimatbeziehungen sind auffindbar, die Frage nach der Nutzbarkeit der Flächen und den Möglichkeiten ihrer Wiederaneignung stellt sich schlagartig mit dem Weggang des Militärs und nicht schleichend wie in der umgebenden Landschaft.

Im Gegensatz zur weit verbreiteten Wahrnehmung dieses Nicht-Verhältnisses als einer statischen Situation, in der die Natur ihren freien Lauf nehmen kann und sich selbst überlassen bleibt, soll in dem Vortrag gezeigt werden, dass die Plätze nach ihrer Aufgabe nicht nur einer natürlichen, sondern auch einer sozialen Dynamik unterworfen sind, die im Kontext des Bevölkerungsschwundes und der infrastrukturellen Schrumpfung im ländlichen Raum steht. Diese Prozesse lassen sich als Kolonisierung beschreiben. Ihre Ergebnisse hängen von den Rahmenbedingungen und dem naturräumlichen Potenzial ab; in jedem Falle verbinden sich natürliche Sukzession und Wiederaneignung zu einer neuen landschaftlichen Praxis. Da sich die Fragen nach Management, Kosten, Betreuung und Gefahrenabwehr anhand der oftmals großen und munitionsverseuchten Flächen besonders drastisch stellt, geraten auch die Chancen dringlicher in den Blick. In dem Vortrag soll die Kolonisierung als neue Perspektive von Heimat auf ihre Möglichkeiten hin befragt werden.

Die Ausführungen stützen sich auf eine soziologische Akteurs- und Akzeptanzanalyse im Rahmen des BMBF-Verbundprojektes "Offenland-Management auf ehemaligen und in Nutzung befindlichen Truppenübungsplätzen im pleistozänen Flachland Nordostdeutschlands: naturschutzfachliche Grundlagen und praktische Umsetzung ".


8. Dr. Franz Höchtl, Institut für Landespflege, Universität Freiburg:
Wildnis frisst Heimat - Erkenntnisse aus dem Val Grande-Nationalpark in Piemont

Die Forderung nach ungelenkter Landschaftsdynamik prägt seit einigen Jahren im Kontrast zu den traditionell angewandten, statisch-konservierenden Managementkonzepten die naturschutzfachliche Diskussion in Mitteleuropa. Im Zuge dieses Paradigmenwechsels entstand das Postulat, mehr unkontrollierte Dynamik von Lebensräumen im Sinne des Schutzes natürlicher Prozesse sowie des Entstehens von "Wildnis" zuzulassen. Als potentielle Standorte für großflächige Prozessschutz- oder Wildnisgebiete kommen dabei besonders die Mittelgebirge und Alpen aber auch die ostdeutschen Entsiedelungsräume in Sachsen, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern in Betracht. Diese Gebiete sind jedoch nicht frei von Ansprüchen, die dem Bild uneingeschränkter Naturentfaltung entgegenstehen. Sie werden meist auf unterschiedliche Weise genutzt, zum Beispiel durch Land- und Forstwirtschaft sowie von Erholungssuchenden und Freizeitaktivisten. Zudem sind diese Räume oft der Lebens- und Arbeitsraum der einheimischen Bevölkerung, mit anderen Worten ihre "Heimat".

Welche Konsequenzen ergeben sich deshalb für die Bewohner einer Landschaft, in der Verwilderungsprozesse in großem Umfang spontan ablaufen bzw. bewusst zugelassen werden? Wie stehen die Einheimischen der Wiederbewaldung ihrer Jahrhunderte lang genutzten und gepflegten Kulturlandschaft gegenüber? Wie nehmen sie die konkreten Auswirkungen ungelenkter Ökosystemdynamik in ihrer nächsten Umgebung wahr?

Vor dem Hintergrund der Erkenntnisse zweier Forschungsprojekte, die von 1999-2004 im piemontesischen Val Grande-Nationalpark, dem "größten Wildnisgebiet Italiens" und dem Stronatal durchgeführt wurden, sollen Antworten auf diese Fragen gegeben werden. Die Untersuchungsgebiete eigneten sich auf Grund ihrer Geschichte, ihrer aktuellen Nutzung und des unterschiedlichen Schutzstatus - zur Wilderness Area erklärte Alpenlandschaft (Val Grande-Nationalpark) gegenüber einem Tal ohne vergleichbaren Schutzstatus (Stronatal) - in hohem Maße zur Analyse der genannten Probleme. In beiden Gebieten liegen Siedlungen sowie land- und forstwirtschaftlich genutzte Flächen in enger Nachbarschaft zu ausgedehnten verbrachten Bereichen. Dem 1992 gegründeten und 15.000 ha großen Val Grande-Nationalpark kommt in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung zu, da in ihm der "Traum von der Wildnis" alpenweit zum ersten Mal großflächig in einer Kulturlandschaft umgesetzt wurde, die seit dem hohen Mittelalter kontinuierlich bewirtschaftet war, bis sich der Mensch ab dem Ende des Zweiten Weltkrieges aus ihr zurückzog. Seit den 1960er Jahren unterliegen die inneren Parkzonen ausschließlich der ungelenkten Sukzession. In seinen Randbereichen haben sich Reste des traditionellen Weinbaus, der Weidewirtschaft und der Kastanienkultur bis heute erhalten.


9. Dr. Josef Heringer, Bayerische Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege, Laufen/Sulach:
Inszenierung von Kulturlandschaft

Die "Bühne des Lebens" wird vom Menschen heutzutage hauptsächlich "städtisch" gedacht. Über Jahrtausende hinweg war sie jedoch in hohem Maße identisch mit der Kulturlandschaft in der jemand aufwuchs, lebte und arbeitete. Die Entfremdung Mensch - Natur - Landschaft strebt einem Höhepunkt zu. Dies hat zur Folge, dass bereits wieder das Gegenteil, nämlich die Annäherung an die Natur in ihrer kulturbezogenen Ausprägung, an Bedeutung gewinnt.

Diese neuerliche Naturzuwendung vollzieht sich nicht zwangsläufig bzw. schicksalhaft, vor allem wenn es um das kulturhafte der Landschaft geht. Kunstlandschaften a la Centerparks wissen sich zu platzieren und bedienen die Sehnsüchte der Menschen auf reduziert-kommerzielle Weise teils sehr erfolgreich. Was hat in diesem Prozess die Landespflege, die sich zunehmend wieder mit der Heimatpflege verbündet, zu sagen und anzubieten?

Sie sollte ihr Aufgabenfeld erneut weiten und ihr Arbeitsfeld nicht nur traditionell biozentrisch sondern auch anthropozentrisch sehen! In der Landschafts-, bzw. Landespflege steckt das Wort "pflegen". In seiner ursprünglichen Bedeutung ist es mit "spielen" verbunden, wie dies auch in der Sinndeutung des englischen Wortes "to play" und im Deutschen u.a. in der "Musikpflege" steckt. Nach der Befreiung von den harten Sach- und Ernährungszwängen der agrarischen Urproduktion müssen wir wieder lernen "spielerisch" mit der zur Landschaft gewordenen Natur umzugehen, müssen lernen Kulturlandschaft kreativ in Szene zu setzen. Übrigens - die Urform von Szene (lat. "scena") leitet sich vom griechischen "skene" für "Laube, Zelt, Hütte" u.ä. ab. Die Landschaft darf dem gemäß als zur Inszenierung auffordernde naturhafte "Laubhütten-Bühne" angesehen werden.

Die Menschen brauchen Kulturlandschaft in vielfacher Weise als:

  • Produzenten und Konsumenten: Lokal- und Regionalerzeugung und Versorgung im Agenda-21-Zusammenhang sind im kommen, Selbstanbau und -ernte wird attraktiv.
  • Sinn- und Wertsuchende: Pilgerwege und Kultorte erleben eine Renaissance.
  • Lernende: Waldkindergärten, Freiland-Klassenzimmer, Schulbauernhöfe, Schullandheime werden zunehmend nachgefragt, da die virtuelle Welt der Moderne dringend der Ergänzung durch die in der Landschaft erlebbare reale Wirklichkeit bedarf.
  • Erholungssuchende: Re-Kreation gelingt nur, wenn sie Anschluss findet an die erlebbare Landschaft als Kreation. Be-greifen, be-wegen, be-fassen im Zusammenhang mit geeigneter Landschaftspflege-Aktivität wird zum Kreativ-Urlaub.
  • Sportler: Felsen, Gewässer, Wald- und Wiesenwege werden als "Out-Door-objekte" entdeckt und zunehmend frequentiert.
  • Künstler und Musenfreunde: Hügel, Täler, Wälder, Kiesgruben und Steinbrüche werden immer häufiger zu Open-Air-Veranstaltungen, Freilicht-Aufführungen genutzt.

Die Kulturlandschaft andererseits braucht den Menschen zur Sicherung und Entwicklung der:

  • Habitat-Vielfalt: Türme, Häuser, Mauern, Keller usw. bieten "Wohnorte" für vielfältiges Tier- u. Pflanzenleben.
  • Wildarten-Biotop-Vielfalt: Wiesen, Äcker, Weiden, Weiher, Mühlbäche usw. sind Elemente "ökosystemarer" Bereicherung der Kulturlandschaft.
  • Kulturarten-Vielfalt: Obstgärten, Gemüse- und Kräutergärten, Viehweiden usw. bewahren einen großen Fundus an genetischer Information.
  • Schönheit und Eigenart: Die spielerisch-nützliche Verteilung von Wald, Feld und Wiese, von Siedlungs- und Wegestruktur sichert die Biodiversität der Natur und bietet hohe Anmutungs-Qualität für den Menschen.

Natur- und Landschaftsführer aus der jeweiligen Landschaft stammend, ausgestattet mit guten Schutz- und Pflegewissen werden derzeit im Einvernehmen mit den Naturschutzbehörden und Landschaftspflegeverbänden als "Regisseure der Kulturlandschafts-Inszenierung" vom "Bundesweiter Arbeitskreis der staatlich getragenen Bildungsstätten im Natur- und Umweltschutz"(BANU) aufgebaut und zum nötigen Qualitätssprung in der Landschafts- und Heimatpflege befähigt.


10. Martin Blümcke, Vorsitzender des Schwäbischen Heimatbund e.V., Stuttgart:
Der Schwäbische Heimatbund: Arbeit für die Kulturlandschaft

Ende des 19. Jh. definierten Berliner Intellektuelle das bis dahin militärisch besetzte Wort Heimatschutz - auch in den USA gibt es seit kurzem ein Ministerium für Heimatschutz - als Oberbegriff für Natur- und Denkmalschutz, für den Erhalt der Landschaft und der gebauten Geschichte. 1904 wurde in Dresden der Deutsche Bund für Heimatschutz gegründet, 1909 in Stuttgart der Bund für Heimatschutz in Württemberg und Hohenzollern.

Bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs suchte man Einfluss zu nehmen durch ein Jahrbuch mit entsprechenden Artikeln, durch Zeitungsaufsätze, Resolutionen und Schreiben an die zuständigen Behörden und Ministerien. Auffallend viele hochgestellte Forstleute waren damals Mitstreiter. In Württemberg ressortierte in jener Zeit der Naturschutz bei der Denkmal-Pflege. Als in den 1920er-Jahren mit Dr. Hans Schwenkel erstmals ein Fachmann angestellt worden war, der auch engagiert beim Heimatschutz mitwirkte, wurde um das Landschaftsbild bei der Kanalisierung des Neckars gerungen - welche Stauhöhe ist angemessen? - wurde die Verdrahtung der Ortsbilder und der freien Landschaft beklagt, um nur zwei Themen herauszugreifen.

Nachdem im Juni 1935 das Reichsnaturschutzgesetz erlassen war, das erstmals die Ausweisung von Naturschutz- und Landschaftsschutzgebieten regelte, drängte Dr. Schwenkel den Bund, Flächen in Naturschutzgebieten zu erwerben. Heute sind vom Jagsttal bis nach Oberschwaben fast 300 ha im Besitz des Schwäbischen Heimatbundes, wie sich der 6.000 Mitglieder starke Verein seit seiner Wiedergründung 1949 nennt. In letzter Zeit ist zu dem Eigentum an ca. 25 Plätzen im Land verstärkt die Pflege gekommen, sei es durch vertraglich gebundene Landwirte, sei es durch Mäh- und Bergeaktionen der Mitglieder. Am Spitzberg bei Tübingen konnte durch Lager des Service Civil International mit Studenten aus ganz Europa ein Stück alte Weinberglandschaft freigelegt und im Bereich der Mauern und Steigen erneuert werden.

Im Pfrunger-Burgweiler Ried unweit von Ravensburg besitzt der SHB 150 ha. In Wilhelmsdorf am südlichen Rand des zweitgrößten Hochmoors Süddeutschlands, das einmal 2.400 ha umfasste, hat der Verein vor zehn Jahren ein privates Naturschutzzentrum eingerichtet, das mit einem Betreuungsvertrag mit dem offiziellen Naturschutz verbunden ist. Ausstellung, Riedlehrpfad und Führungen dienen der Information, im Naturerlebnisraum werden Schüler unterrichtet.

Seit zwei Jahren läuft nun, vom SHB initiiert und vorangetrieben, ein Großprojekt zur Wiedervernässung auf 700 ha Kernfläche. In zehn Jahren werden mehr als sechs Millionen Euro in den Grunderwerb, in den Ausgleich mit der Landwirtschaft und in die Besucherlenkung investiert, finanziert vom Bundesamt für Naturschutz in Bonn, vom Land Baden-Württemberg, und einer Stiftung, in der unter der Leitung des SHB alle Anliegergemeinden und die Landkreise Sigmaringen und Ravensburg vereint sind. Der entscheidende Schritt vom Mahner zur direkten Arbeit in der Kulturlandschaft ist endgültig getan.


11. Dr. Jörg Leist, Oberbürgermeister a.D., AG Heimatpflege im württembergischen Allgäu, Wangen im Allgäu:
Heimatpflege braucht Landschaftspflege

Man könnte auch sagen: Heimat braucht Landschaft. Für die meisten Menschen ist "Heimat" lokalisierbar. "Heimat" ist deshalb im landläufigen Sinn orts- und meist auch landschaftsgebunden. Regelmäßig bildet die Landschaft - durch ihre Besonderheit, im Idealfall durch Harmonie und Schönheit - den Urgrund des Heimatgefühls. Dieses wird zunächst unbewusst im Kindesalter, später bewusst, aus dem Zusammenspiel aller Sinne entwickelt. Am schönsten und eindrücklichsten zeigt uns Joseph von Eichendorff den Zusammenhang zwischen Heimat und Landschaft in seinem Gedicht "Abschied":

O Täler weit, o Höhen,
O schöner, grüner Wald
Du meiner Lust und Wehen
Andächt'ger Aufenthalt!
Da draußen, stets betrogen
Saust die geschäft'ge Welt,
Schlag noch einmal die Bogen
Um mich, du grünes Zelt !

Wenn es beginnt zu tagen,
Die Erde dampft und blinkt
Die Vögel lustig schlagen,
Dass dir dein Herz erklingt:
Da mag vergehn verwehen
Das trübe Erdenleid,
Da sollst Du auferstehen
In junger Herrlichkeit!

Da steht im Wald geschrieben
Ein stilles, ernstes Wort
Vom rechten Tun und Lieben
Und was des Menschen Hort.
Ich habe treu gelesen
Die Worte schlicht und wahr,
Und durch mein ganzes Wesen
Wards unaussprechlich klar.

Bald werd ich dich verlassen,
Fremd in der Fremde gehen,
Auf buntbewegten Gassen
Des Lebens Schauspiel sehn;
Und mitten in dem Leben
Wird deines Ernsts Gewalt
Mich Einsamen erheben,
So wird mein Herz nicht alt.

Ich versichere, dass ich kein Romantiker bin. Noch immer wird täglich Kulturlandschaft ausgeplündert und verletzt. Wohl haben sich im Naturschutz- und Ökologiebereich die Verhältnisse verbessert, dafür ist die Baugesetzgebung seit 40 Jahren von Novelle zu Novelle der Landschaft abträglicher geworden. Den Denkmalpflegern ist das Geld ausgegangen. 40 Jahre Praxis haben mich zum - allerdings unverdrossenen - Pessimisten gemacht. Aus eigenen Fehlern habe ich zu lernen versucht.

Wo lernt ein Bürgermeister schließlich Kulturlandschaftspflege ?

Ich stehe nach wie vor zur konsequenten Basisarbeit, über deren (Un)Möglichkeiten im Gebiet des Württembergischen Allgäus ich kurz berichten will.


12. Wolfgang Thiem, Landesdenkmalamt Baden-Württemberg, Außenstelle Tübingen:
Sind Denkmallandschaften konservierte, statische Heimat?

Der Begriff "Denkmallandschaft" ist bislang kein gängiger Rechtsbegriff in den länderbezogenen Denkmalschutzgesetzen. Allerdings wird immer häufiger von Denkmallandschaften gesprochen. Sie entstehen vor allem in der Vernetzung von Bau- und Kunstdenkmälern mit weiteren Relikten der historischen Kulturlandschaft, die gemeinsam durch eine geschichtliche Kraft geprägt wurden. Bekannte Beispiele sind die Bergbaulandschaft des Harzes, die Klosterlandschaften von Maulbronn und Salem oder das Gartenreich Dessau-Wörlitz.

Denkmallandschaften als besonders hochwertige, denkmalreiche und geschichtsträchtige Ausschnitte der historischen Kulturlandschaften werden bislang nur als Weltkulturerbestätten geschützt, so z.B. das Mittelrheintal oder die Klosterinsel Reichenau. Lediglich das Denkmalschutzgesetz von Schleswig-Holstein beinhaltet seit seiner Novellierung den Schutz der historischen Kulturlandschaft.

Der Blick in die Vergangenheit zeigt, dass gerade die Strukturen der Landschaft, die wir als historische Elemente betrachten, immer einem Wandel unterworfen waren. Die wirtschaftlichen Umwälzungen, die sich seit der Mitte des 20. Jahrhunderts enorm verstärkten, überformten die Landschaft immer intensiver, so dass die oft über Jahrhunderte gewachsenen Strukturen vielfach verschwanden. Selbst in den Denkmallandschaften, die ja heute nur als Denkmallandschaften angesprochen werden, weil sich dort die historischen Strukturen vergleichsweise gut überliefert haben, gab es zahlreiche Veränderungen. Und so wie die historische Kulturlandschaft in der Vergangenheit alles andere als statisch war, so wird es auch in Zukunft sein. Es liegt in der Natur der Sache, dass die in einer anderen Epoche entstandenen Elemente heute nicht mehr zeitgemäß sind und einem Funktionswandel unterliegen. Aus einst zur Bewirtschaftung notwendigen Weinbergsmauern sind Biotope geworden, aus den Schlössern einer Residenzlandschaft, einst zum repräsentativen Residieren des Adels und der Herrschaft errichtet, sind heute touristische Anziehungspunkte geworden. Auftrag der Denkmalpflege ist es im weitesten Sinne, sich um das materielle, vornehmlich gebaute, kulturelle Erbe zu sorgen. Dies schließt eigentlich die vom Menschen gestaltete Kulturlandschaft mit ein.

Doch viele Denkmalpfleger tun sich mit dem flächenhaften Denkmalschutz immer noch schwer und möchten sich auch aufgrund immer weiter zurückgehender finanzieller und personeller Ressourcen auf die klassischen Gebiete der Denkmalpflege zurückziehen. Gleichzeitig wird der gesellschaftliche Druck zum Schutz von historischen Kulturlandschaften größer, wie es beispielsweise die Ausweisungspraxis der Welterbestätten veranschaulicht. Auch im kommunalen Bereich hat man erkannt, dass diejenigen Elemente, die einer Landschaft Individualität und damit auch touristischen Erholungswert verleihen, zumeist historischen Ursprunges sind und gepflegt werden müssen.

Die Denkmalpfleger sind also gefordert, sich künftig stärker um den Erhalt von historischen Kulturlandschaften zu bemühen. Trotzdem sind Befürchtungen, dass die Landschaft dadurch eine Käseglocke übergestülpt bekommt und sich nicht mehr weiter entwickeln darf, völlig unbegründet. Die alltägliche Praxis zeigt, dass man als Denkmalpfleger erst gerufen wird, wenn Veränderungen anstehen. So wird man als Denkmalpfleger erst gehört, wenn die Flurneuordnung angelaufen ist. Wir müssen dann die aus unserer Sicht erhaltenswerten Strukturen benennen, wobei natürlich klar ist, dass dies nicht das historische Parzellengefüge sein kann, da genau dieses ja neu geordnet werden soll. Es gilt, auf die notwendigen Veränderungen so Einfluss zu nehmen, dass der Verlust von Denkmalsubstanz möglichst gering bleibt. Das Ergebnis ist immer ein Kompromiss.


13. Prof. em. Dr. Dr. h.c. Wolfgang Haber, Technische Universität München, Lehrstuhl für Landschaftsökologie, Ehrenmitglied des DRL :
Pflege des Landes - Verantwortung für Landschaft und Heimat

"Land" und "ländlich" prägen die Namen der Tagungsveranstalter. "Land" heißt Gegensatz zu Gewässer und zur Stadt, ist Lebensraum land-gebundener Lebewesen, eine Ressource und bezeichnet auch ein Territorium. Der "Wirt des Landes" ist der bäuerliche Nutzer der Ressource, die er durch "Kultivierung" diesem Zweck angepasst hat und zugleich als Territorium sich aneignen konnte. Dieser Land-Besitz wird vererbt und erzeugt verantwortliche Bindung, erkennbar an Schutz und Pflege der "Kulturen". Land-Wirtschaft nutzte die Land-Ressource vielseitig und ermöglichte damit die Existenz von nicht bäuerlich lebenden, dörflich-städtischen Menschen, die eine zweite, geistige "Kultivierung" und damit auch den neuen Gegensatz "städtisch-ländlich" schufen. Er ist zugleich ein "Punkt-Fläche-Kontrast", denn Landwirtschaft bedarf ausgedehnter Flächen und bewirkt damit den "ländlichen Raum". Seine Erzeugungs- und Versorgungsfunktion wird in neuerer Zeit von anderen Werten der städtischen Gesellschaft wie Ausgleich, Ergänzung, Umweltschutz und Heimatgefühl überlagert. Das landwirtschaftliche Landbesitz-Mosaik ist zur "Landschaft" als öffentlichem Gut und damit zum Gegenstand einer gesellschaftlichen Sensibilisierung für eine ganzheitliche Landes-Pflege geworden. Sie stellt in ihren sektoralen Aufzweigungen und unterschiedlichen räumlichen Dimensionen ein aktuelles Konflikt- und Gestaltungsfeld dar und fordert neue Verantwortlichkeiten. Ob sie politisch zu meistern sind, ist eine offene Frage.


14. PD Dr. Mario F. Broggi, Direktor der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft, Birmensdorf :
Eckpunkte einer europäischen Kulturlandschaftsforschung

Im vorliegenden Beitrag wird am Beispiel der Schweiz dargelegt, wie die "Verbrauchs-landschaft" die "Schönlandschaft" frisst. Wir müssen dafür besorgt sein, dass mehr Raumsensibilität entwickelt und die laufende Landschaftszerstörung nicht blind akzeptiert wird. Wir regeln zwar Bauabstände, aber es wird kaum die Frage gestellt: Wie gehe ich mit Raum um? An Beispiel des Bauens in der Landschaft werden zwei wichtige Fragen gestellt:

Wie machen wir besiedelten Raum wieder zu einem Teil der Kulturlandschaft, ausgestattet mit mehr Lebensqualität? Wie betten wir die Städte und übrigen Ortschaften in die Landschaft ein?

Wie schaffen wir es, Bauen nicht nur als unerwünschten Eingriff, sondern als bewusst gestalteten Bestandteil unserer Kultur zu formen?

Außerhalb des stark prägenden Bauens in der Landschaft muss es uns gelingen, ein integrales Landressourcen-Management zu entwickeln. Dieses bedingt eine ethische Grundhaltung in der Landnutzung mit einer standortsgemäßen und nachhaltigen Nutzung des Bodens unter Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen und der kulturell geschaffenen Werte. In peripheren wirtschaftlichen Lagen wird es immer bedeutsamer werden, weiter entwickelte extensive Landnutzungen zu etablieren, die keine Abfälle verursachen (Niedrigenergie-Landwirtschaft).

Die Problematik der fehlenden Raumwahrnehmung sowie einige Erfordernissen einer nachhaltigen Wirtschaftsentwicklung werden im Referat weiterentwickelt und es werden sechs Folgerungen für die Forschung gezogen. So wird etwa festgestellt, dass die Forschung über die "Driving forces" dieser Veränderungen zu schwach ausgestattet ist und zu wenig mit den Landnutzern verknüpft wird. Plattformen für dieses neuen Wirken sind zu ermöglichen. Wollen wir an die Wurzel der Probleme gehen, so hat dies vor allem etwas mit der Beeinflussung des Mobilitätsverhaltens zu tun. Es gilt sich intelligent zu entschleunigen. Wir erreichen dies u.a. durch Zusammenrücken von Funktionen zwecks Vermeidung von Zersiedelung sowie durch Reduktion des Individualverkehrs mit Begünstigung des öffentlichen Verkehrs. Des Weiteren ist ein gigantisches Reparaturwerk angesagt, wo wir zu schnell und unreflektiert Schaden angerichtet haben. Sinnhaftes Beispiel sind die anlaufenden Revitalisierungen von Fliessgewässern, den Adern der Landschaft.

letzte Aktualisierung: 26.08.2009