Landschaft und Heimat
Kurzfassungen der Vorträge
- Rainer Beck: Ästhetik
des Schachbretts: Zur Rationalisierung der Naturgestalt im Zuge
der Aufklärung
- Konrad Ott: Heimatargumente
als Naturschutzbegründungen in Geschichte und Gegenwart
- Werner Konold: Stein
und Wasser im Bild der Heimat
- Günter Bayerl: Verdrahtung
und Verspargelung der Heimat
- Michael Flitner: Die
"heimatliche Landschaft" als zeitliches Konstrukt
- Sylvia Greiffenhagen:
Politische Kulturlandschaften
- Kenneth Anders: Wiederaneignung
entfremdeter Heimat: Die Kolonialisierung ehemaliger Truppenübungsplätze
- Franz Höchtl: Wildnis
frisst Heimat. Erkenntnisse aus dem Val Grande-Nationalpark
in Piemont
- Josef Heringer: Inszenierung
von Kulturlandschaft
- Martin Blümcke:
Der Schwäbische Heimatbund: Arbeit für die Kulturlandschaft
- Jörg Leist: Heimatpflege
braucht Landschaftspflege
- Wolfgang Thiem: Sind Denkmallandschaften
konservierte, statische Heimat?
- Wolfgang Haber: Pflege
des Landes - Verantwortung für Landschaft und Heimat
- Mario F. Broggi: Eckpunkte
einer europäischen Kulturlandschaftsforschung
1. PD Dr. Reiner Beck, Unterfinning:
Ästhetik des Schachbretts: Zur Rationalisierung der Naturgestalt
im Zuge der Aufklärung
Auf den ersten Blick scheint sich die Gesellschaft der Aufklärung
- ganz im Unterschied zu jener der Klassik - dem schwärmerischen
Ideal einer "freien" und "unberührten Natur" verschrieben zu haben.
In seltsamen Kontrast zu ihren literarischen oder gärtnerischen
Ideallandschaften verfochten zur gleichen Zeit die Vertreter einer
praktischen Aufklärung die Umgestaltung der ‚wirklichen' Landschaft
in einen eher rektangulär geordneten und ganz und gar unromantischen
Raum. Was die Zukunft unserer Kulturlandschaft betrifft, waren
deren ästhetischen Visionen die bedeutsameren. Denn das Ideal
der "freien Natur" hatte sich vor dem Hintergrund eines Fortschrittsprojektes
entwickelt, das realiter - als Bedingung der ökonomischen und
sozialen Prosperität oder "Glückseligkeit" bürgerlicher Gesellschaft
- alle natürlichen Ressourcen des Landes einer intensiveren Nutzung
zuzuführen gedachte. Die Umgestaltung herkömmlicher Kulturlandschaft
- einer Landschaft, die nun radikal in ihrer Qualität als reale
oder optionale Bodenressource ins Visier geriet - gehörte von
Anbeginn zu den zentralen Projekten der Aufklärungszeit. Im Zuge
dieser Umgestaltung sollte endlich alle "Ödnis", alle "wilde Natur"
- Heiden, Moore, Brachen und ungeordnete Wälder - einer flächendeckenden
agrarischen oder waldbaulichen Intensivkultur weichen, - einer
rationalen Ordnung und Kultur, deren "Idealgestalt" weit mehr
das Schachbrett repräsentierte als die undulierten Linien künstlich-natürlicher
Landschaftsparks.

2. Prof. Dr. Konrad Ott, Professur für Umweltethik am Botanischen
Institut, Universität Greifswald, Mitglied des DRL:
Heimatargumente als Naturschutzbegründungen in Geschichte und
Gegenwart
Der Vortrag wird zunächst den Gründen für die gegenwärtig
unübersehbare Renaissance des Heimatgedankens in Naturschutz und
Landesplanung nachgehen (I). Er wird sich anschließend mit der
Geschichte des deutschen Heimatschutzes kritisch auseinandersetzen
(II) und in diesem Zusammenhang ein besonderes Augenmerk den ethischen
Ambivalenzen des Heimatschutzes widmen (III). Darauf aufbauend,
werden unterschiedliche philosophische Heimatkonzeptionen analysiert
(IV). In einem weiteren Schritt soll die Bedeutung des Heimat-Argumentes
im Argumentationsraum der heutigen Umweltethik genauer bestimmt
werden (V). Zuletzt sollen Möglichkeiten für einen ethisch reflektierten
Umgang mit Heimatschutzargumenten aufgezeigt werden (VI).

3. Prof. Dr. Werner Konold, Institut für Landespflege, Universität
Freiburg, Sprecher des DRL:
Stein und Wasser im Bild der Heimatlandschaft
Heimatlandschaft soll als der Lebensraum verstanden werden, in
dem sich ein Mensch materiell, sozial und auch von seinem physischen
Umfeld her verortet fühlt, selbstbestimmt Einfluss nehmen und
gestalten kann. Die physische Heimat kann mit einer Kulturlandschaft
deckungsgleich sein. Damit Landschaft Heimat ist, muss sie Formen
der Vertrautheit, von Ordnung, Wegsamkeit, Spuren menschlichen
Wirkens besitzen. Diese Formen stammen aus unterschiedlichen Zeitschichten
und haben Anschluss an die Gegenwart. Heimatlandschaft ist immer
geschichtlich und daher prädestiniert, hier und dort den Genius
loci in sich zu tragen. Solche Orte sind sehr häufig am Wasser,
an Gewässern gelegen, seien sie natürlicher oder künstlicher,
technischer Natur. Der Mythos Wasser ist uralt und tief sitzend
und er hat eine starke sinnliche und eine zweckorientierte Seite.
Ausstrahlung können Gewerbe-, Bewässerungs- und Schifffahrtskanäle,
Wehre und Hochwasserkanäle besitzen, wo oft genug "Natur und Menschenwerk
sanft ineinander übergehen". Die von Menschenhand geschaffenen
Gewässer sind in ganz besonderer Weise von Geschichtlichkeit gezeichnet
und daher ganz besonders wichtige Elemente einer Heimatlandschaft.
Dessen ungeachtet gilt seit vielen Jahren in Fachkreisen die
Maxime, alle Gewässer sollten nach Möglichkeit einen naturnahen
Zustand erhalten; Künstlichkeit und Kulturnähe sind abwertend
konnotiert. Diese Auffassung löste die seit der Aufklärung gültige
Haltung ab, wonach Gewässer primär in den Dienst des Menschen
zu stellen und entsprechend zu gestalten seien. Folge des Paradigmenwechsels
war und ist, dass viele Wasserorte mit inkorporierter Geschichtlichkeit
ignoriert, vernachlässigt und zerstört wurden. Um den Wasserorten
als konstitutiven Bestandteilen der Heimatlandschaft gerecht zu
werden und endlich den Genius temporis zu finden, müssen wir viel
differenzierter mit den Gewässern umgehen und modifizierte Bewertungsansätze
entwickeln. Das Neue muss so gestaltet werden, dass es Vertrautheit
und in der Zukunft Geschichtlichkeit zu stiften imstande ist.

4. Prof. Dr. Günter Bayerl, Lehrstuhl für Technikgeschichte, Brandenburgische
Technische Universität Cottbus:
Verdrahtung und Verspargelung der Heimat
Stromleitungen, Fabrikschornsteine und Windräder wurden und werden
in periodischen Abständen als "Verschandelung" der Landschaft
kritisiert, die "Verdrahtung und Verspargelung der Heimat" angeprangert.
Der Beitrag geht der Geschichte dieser Kritik von den Anfängen
bis in die Gegenwart nach. Alle drei kritisierten Phänomene sind
Elemente der technischen Infrastruktur der Industriegesellschaft,
haben jedoch einen unterschiedlichen Ort in der Landschaft. Während
Stromleitungen die Landschaft weiträumig linear durchschneiden
und hiermit bei der Veränderung der Landschaft, dem Wandel der
Heimat, eine ähnliche Funktion haben wie "Kunststraßen", Eisenbahnstrecken
und Kanäle, waren Windräder als Einzelprojekte in der Landschaft
verstreut und konzentrieren sich erst in jüngerer Zeit zu landschaftsdominierenden
"Windparks" ("Verspargelung"). Fabrikschornsteine spielen bzw.
spielten insofern eine Sonderrolle, als sie zwar auch als Einzelobjekte
in der Landschaft auftauchen, im Regelfall aber in bestimmten
Räumen verdichtet auftreten - sie sind typisch für eine Landschaft,
die zur Industrielandschaft wird; mit diesem Wandel ist dann oftmals
die Herausbildung eines spezifischen Heimatbegriffes verbunden.
Ausgehend von dieser Ortsbestimmung der technischen Artefakte
in der Landschaft will der Beitrag die einzelnen Erscheinungsformen
und Akteursgruppen der Kritik beschreiben und damit bestimmte
Facetten des Verhältnisses Technik - Landschaft - Heimat allgemein
zeigen.

5. PD Dr. Michael Flitner, Institut für Forstökonomie, Universität
Freiburg:
Die "heimatliche Landschaft" als zeitliches Konstrukt
In den Bemühungen der Landschaftspflege und des
Naturschutzes stehen neben bestimmten räumlichen Verhältnissen
grundsätzlich auch zeitliche Dimensionen in Frage. Wieviel zeitliche
Konservierung ist erwünscht? Wann wird ein Landschaftsrelikt erhaltenswert?
Wie schnell gewöhnen wir uns an neue Naturzustände und Landschaftsbilder,
die dann ihrerseits zu schützen wären? Welche historischen Momente
werden in diesem oder jenem Fall rekonstruiert und warum nicht
andere?
Der Beitrag unternimmt eine Annäherung an diese
Fragen durch eine Betrachtung unterschiedlicher Zeithorizonte,
die sich in der "heimatlichen Landschaft" ausmachen lassen. Dabei
wird beispielhaft aufgezeigt, wie sich unterschiedliche Zeittypen
(Lebenszeiten, Systemzeiten, Naturzeiten, politische Konjunkturen,
biologische Rhythmen etc.) in den Vorstellungen einer bestimmten
"Heimat" zusammenfügen.
Im Anschluss an die Entwicklung dieser Zeithorizonte
wird ein näheres Augenmerk auf die Prozesse gelenkt, die zur Verankerung
bestimmter Heimatgefühle im Laufe des individuellen Lebens beitragen.
Hierbei wird die Ansicht vertreten, dass diese Prozesse aktuell
großen Veränderungen unterworfen sind, die sich ihrerseits wiederum
als Umformungen bestimmter Zeittypen verstehen lassen.
Von besonderer Bedeutung sind dabei aktuell Prozesse
raumzeitlicher Hybridisierung, die mit einer verstärkten Mobilität
der Individuen im Laufe ihres Lebens zusammenfallen und seit längerem
mit dem Schlagwort der Globalisierung verknüpft werden. Nimmt
man die Befunde soziologischer Zeitdiagnosen ernst, so muss sich
auch die Landespflege mit neuen "Heimatkonstrukten" auseinandersetzen,
die weit stärker von Brüchen und Diskontinuitäten gekennzeichnet
sein werden als in der Vergangenheit. Mit diesen Brüchen und Diskontinuitäten
verändern sich auch die gesellschaftlichen Ressourcen, die zugunsten
bestimmter Natur- und Landschaftszustände mobilisiert werden können.

6. Prof. Dr. Sylvia Greiffenhagen, Institut für Sozialforschung
und Sozialplanung GbR, Stuttgart:
Politische Kulturlandschaften
Der Titel Politische Kulturlandschaften verbindet zwei Begriffe,
die normalerweise nicht zusammengebracht werden, weder umgangssprachlich
noch im wissenschaftlichen Kontext: nämlich ‚politische Kultur'
und ‚Landschaft'. Und doch beschreibt dieser seltene Begriff sehr
anschaulich ein Phänomen, das in der politischen Praxis häufig
beobachtet wird.
Landschaften sind durch unterschiedliche politische Kulturen
geprägt, ebenso stark wie durch geologische oder andere ‚objektive
Bedingungen'. Politische Kultur bezieht sich auf die subjektive
Dimension der Politik und bezeichnet das Verteilungsmuster aller
Meinungen, Einstellungen und Werte einer Bevölkerung im Blick
auf Politik. Die politikwissenschaftliche Forschung beschreibt
politische Kulturen gewöhnlich in größeren räumlichen und historischen
Einheiten. So spricht man z.B. von der ‚politischen Kultur der
Deutschen oder Briten', aber auch von der ‚politischen Kultur
des Nationalsozialismus' oder der ‚politischen Kultur der fünfziger
Jahre'. Als wichtige Einflussfaktoren für die Ausprägung von politischen
Kulturen erachtet die Forschung u.a. die ökonomischen Bedingungen
einer Region oder Zeit, religiöse und soziale Erfahrungen der
Bevölkerung sowie ihren Niederschlag in Form von politischen Traditionen
und Institutionen.
Für das Thema "Landschaft und Heimat" sind insbesondere lokale
und regionale politische Kulturen von Interesse: Wie entstehen
politische Kulturlandschaften? Welche Faktoren bestimmen politische
Landschaften im Wandel der Zeiten? Welche Effekte politischer
Traditionen und Sozialisationen, eines ‚kollektiven politischen
Gedächtnisses von Landschaft und Heimat' sind für die gegenwärtige
Politik zu erwarten? Was bringt das wissenschaftliche Konzept
der ‚politischen Kultur' für das Thema "Landschaft und Heimat"?
- Um solche Fragen soll es im Vortrag gehen.

7. Dr. Kenneth Anders, Schiffmühle:
Wiederaneignung entfremdeter Heimat: Die Kolonialisierung ehemaliger
Truppenübungsplätze
Die Truppenübungsplätze des 20. Jahrhunderts wurden trotz der
rigiden Landnahmepraktiken des Militärs meist auf Flächen mit
vergleichsweise geringem Nutzungsdruck eingerichtet, um mögliche
Konflikte zu vermeiden. Historische Heimatbeziehungen von Anwohnern
zu diesen Flächen haben deshalb oftmals einen peripheren Charakter,
der durch forstliche, subsistenzwirtschaftliche und jagdliche
Nutzung, durch Wegebeziehungen und mythische Perspektiven geprägt
ist. Ortschaften waren, im Gegensatz zu Tagebaugebieten, nur in
Ausnahmefällen betroffen, in vielen Fällen waren sie bereits im
19. Jahrhundert aufgegeben worden. Die dadurch gegebene Distanz
ist durch den jahrzehntelangen militärischen Übungsbetrieb erheblich
größer geworden. Nach der Freisetzung der Truppenübungsplätze
offenbart sich das Verhältnis der Anwohner zu den Flächen oft
als Nicht-Verhältnis. Lediglich fragmentierte Heimatbeziehungen
sind auffindbar, die Frage nach der Nutzbarkeit der Flächen und
den Möglichkeiten ihrer Wiederaneignung stellt sich schlagartig
mit dem Weggang des Militärs und nicht schleichend wie in der
umgebenden Landschaft.
Im Gegensatz zur weit verbreiteten Wahrnehmung dieses Nicht-Verhältnisses
als einer statischen Situation, in der die Natur ihren freien
Lauf nehmen kann und sich selbst überlassen bleibt, soll in dem
Vortrag gezeigt werden, dass die Plätze nach ihrer Aufgabe nicht
nur einer natürlichen, sondern auch einer sozialen Dynamik unterworfen
sind, die im Kontext des Bevölkerungsschwundes und der infrastrukturellen
Schrumpfung im ländlichen Raum steht. Diese Prozesse lassen sich
als Kolonisierung beschreiben. Ihre Ergebnisse hängen von den
Rahmenbedingungen und dem naturräumlichen Potenzial ab; in jedem
Falle verbinden sich natürliche Sukzession und Wiederaneignung
zu einer neuen landschaftlichen Praxis. Da sich die Fragen nach
Management, Kosten, Betreuung und Gefahrenabwehr anhand der oftmals
großen und munitionsverseuchten Flächen besonders drastisch stellt,
geraten auch die Chancen dringlicher in den Blick. In dem Vortrag
soll die Kolonisierung als neue Perspektive von Heimat auf ihre
Möglichkeiten hin befragt werden.
Die Ausführungen stützen sich auf eine soziologische Akteurs-
und Akzeptanzanalyse im Rahmen des BMBF-Verbundprojektes "Offenland-Management
auf ehemaligen und in Nutzung befindlichen Truppenübungsplätzen
im pleistozänen Flachland Nordostdeutschlands: naturschutzfachliche
Grundlagen und praktische Umsetzung ".

8. Dr. Franz Höchtl, Institut für Landespflege, Universität Freiburg:
Wildnis frisst Heimat - Erkenntnisse aus dem Val Grande-Nationalpark
in Piemont
Die Forderung nach ungelenkter Landschaftsdynamik prägt seit
einigen Jahren im Kontrast zu den traditionell angewandten, statisch-konservierenden
Managementkonzepten die naturschutzfachliche Diskussion in Mitteleuropa.
Im Zuge dieses Paradigmenwechsels entstand das Postulat, mehr
unkontrollierte Dynamik von Lebensräumen im Sinne des Schutzes
natürlicher Prozesse sowie des Entstehens von "Wildnis" zuzulassen.
Als potentielle Standorte für großflächige Prozessschutz- oder
Wildnisgebiete kommen dabei besonders die Mittelgebirge und Alpen
aber auch die ostdeutschen Entsiedelungsräume in Sachsen, Brandenburg
und Mecklenburg-Vorpommern in Betracht. Diese Gebiete sind jedoch
nicht frei von Ansprüchen, die dem Bild uneingeschränkter Naturentfaltung
entgegenstehen. Sie werden meist auf unterschiedliche Weise genutzt,
zum Beispiel durch Land- und Forstwirtschaft sowie von Erholungssuchenden
und Freizeitaktivisten. Zudem sind diese Räume oft der Lebens-
und Arbeitsraum der einheimischen Bevölkerung, mit anderen Worten
ihre "Heimat".
Welche Konsequenzen ergeben sich deshalb für die Bewohner einer
Landschaft, in der Verwilderungsprozesse in großem Umfang spontan
ablaufen bzw. bewusst zugelassen werden? Wie stehen die Einheimischen
der Wiederbewaldung ihrer Jahrhunderte lang genutzten und gepflegten
Kulturlandschaft gegenüber? Wie nehmen sie die konkreten Auswirkungen
ungelenkter Ökosystemdynamik in ihrer nächsten Umgebung wahr?
Vor dem Hintergrund der Erkenntnisse zweier Forschungsprojekte,
die von 1999-2004 im piemontesischen Val Grande-Nationalpark,
dem "größten Wildnisgebiet Italiens" und dem Stronatal durchgeführt
wurden, sollen Antworten auf diese Fragen gegeben werden. Die
Untersuchungsgebiete eigneten sich auf Grund ihrer Geschichte,
ihrer aktuellen Nutzung und des unterschiedlichen Schutzstatus
- zur Wilderness Area erklärte Alpenlandschaft (Val Grande-Nationalpark)
gegenüber einem Tal ohne vergleichbaren Schutzstatus (Stronatal)
- in hohem Maße zur Analyse der genannten Probleme. In beiden
Gebieten liegen Siedlungen sowie land- und forstwirtschaftlich
genutzte Flächen in enger Nachbarschaft zu ausgedehnten verbrachten
Bereichen. Dem 1992 gegründeten und 15.000 ha großen Val Grande-Nationalpark
kommt in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung zu, da in
ihm der "Traum von der Wildnis" alpenweit zum ersten Mal großflächig
in einer Kulturlandschaft umgesetzt wurde, die seit dem hohen
Mittelalter kontinuierlich bewirtschaftet war, bis sich der Mensch
ab dem Ende des Zweiten Weltkrieges aus ihr zurückzog. Seit den
1960er Jahren unterliegen die inneren Parkzonen ausschließlich
der ungelenkten Sukzession. In seinen Randbereichen haben sich
Reste des traditionellen Weinbaus, der Weidewirtschaft und der
Kastanienkultur bis heute erhalten.

9. Dr. Josef Heringer, Bayerische Akademie für Naturschutz und
Landschaftspflege, Laufen/Sulach:
Inszenierung von Kulturlandschaft
Die "Bühne des Lebens" wird vom Menschen heutzutage hauptsächlich
"städtisch" gedacht. Über Jahrtausende hinweg war sie jedoch in
hohem Maße identisch mit der Kulturlandschaft in der jemand aufwuchs,
lebte und arbeitete. Die Entfremdung Mensch - Natur - Landschaft
strebt einem Höhepunkt zu. Dies hat zur Folge, dass bereits wieder
das Gegenteil, nämlich die Annäherung an die Natur in ihrer kulturbezogenen
Ausprägung, an Bedeutung gewinnt.
Diese neuerliche Naturzuwendung vollzieht sich nicht zwangsläufig
bzw. schicksalhaft, vor allem wenn es um das kulturhafte der Landschaft
geht. Kunstlandschaften a la Centerparks wissen sich zu platzieren
und bedienen die Sehnsüchte der Menschen auf reduziert-kommerzielle
Weise teils sehr erfolgreich. Was hat in diesem Prozess die Landespflege,
die sich zunehmend wieder mit der Heimatpflege verbündet, zu sagen
und anzubieten?
Sie sollte ihr Aufgabenfeld erneut weiten und ihr Arbeitsfeld
nicht nur traditionell biozentrisch sondern auch anthropozentrisch
sehen! In der Landschafts-, bzw. Landespflege steckt das Wort
"pflegen". In seiner ursprünglichen Bedeutung ist es mit "spielen"
verbunden, wie dies auch in der Sinndeutung des englischen Wortes
"to play" und im Deutschen u.a. in der "Musikpflege" steckt. Nach
der Befreiung von den harten Sach- und Ernährungszwängen der agrarischen
Urproduktion müssen wir wieder lernen "spielerisch" mit der zur
Landschaft gewordenen Natur umzugehen, müssen lernen Kulturlandschaft
kreativ in Szene zu setzen. Übrigens - die Urform von Szene (lat.
"scena") leitet sich vom griechischen "skene" für "Laube, Zelt,
Hütte" u.ä. ab. Die Landschaft darf dem gemäß als zur Inszenierung
auffordernde naturhafte "Laubhütten-Bühne" angesehen werden.
Die Menschen brauchen Kulturlandschaft in vielfacher Weise als:
- Produzenten und Konsumenten: Lokal- und Regionalerzeugung
und Versorgung im Agenda-21-Zusammenhang sind im kommen, Selbstanbau
und -ernte wird attraktiv.
- Sinn- und Wertsuchende: Pilgerwege und Kultorte erleben
eine Renaissance.
- Lernende: Waldkindergärten, Freiland-Klassenzimmer,
Schulbauernhöfe, Schullandheime werden zunehmend nachgefragt,
da die virtuelle Welt der Moderne dringend der Ergänzung durch
die in der Landschaft erlebbare reale Wirklichkeit bedarf.
- Erholungssuchende: Re-Kreation gelingt nur, wenn sie
Anschluss findet an die erlebbare Landschaft als Kreation. Be-greifen,
be-wegen, be-fassen im Zusammenhang mit geeigneter Landschaftspflege-Aktivität
wird zum Kreativ-Urlaub.
- Sportler: Felsen, Gewässer, Wald- und Wiesenwege werden
als "Out-Door-objekte" entdeckt und zunehmend frequentiert.
- Künstler und Musenfreunde: Hügel, Täler, Wälder, Kiesgruben
und Steinbrüche werden immer häufiger zu Open-Air-Veranstaltungen,
Freilicht-Aufführungen genutzt.
Die Kulturlandschaft andererseits braucht den Menschen zur Sicherung
und Entwicklung der:
- Habitat-Vielfalt: Türme, Häuser, Mauern, Keller usw.
bieten "Wohnorte" für vielfältiges Tier- u. Pflanzenleben.
- Wildarten-Biotop-Vielfalt: Wiesen, Äcker, Weiden, Weiher,
Mühlbäche usw. sind Elemente "ökosystemarer" Bereicherung der
Kulturlandschaft.
- Kulturarten-Vielfalt: Obstgärten, Gemüse- und Kräutergärten,
Viehweiden usw. bewahren einen großen Fundus an genetischer
Information.
- Schönheit und Eigenart: Die spielerisch-nützliche
Verteilung von Wald, Feld und Wiese, von Siedlungs- und Wegestruktur
sichert die Biodiversität der Natur und bietet hohe Anmutungs-Qualität
für den Menschen.
Natur- und Landschaftsführer aus der jeweiligen Landschaft stammend,
ausgestattet mit guten Schutz- und Pflegewissen werden derzeit
im Einvernehmen mit den Naturschutzbehörden und Landschaftspflegeverbänden
als "Regisseure der Kulturlandschafts-Inszenierung" vom "Bundesweiter
Arbeitskreis der staatlich getragenen Bildungsstätten im Natur-
und Umweltschutz"(BANU) aufgebaut und zum nötigen Qualitätssprung
in der Landschafts- und Heimatpflege befähigt.

10. Martin Blümcke, Vorsitzender des Schwäbischen Heimatbund e.V.,
Stuttgart:
Der Schwäbische Heimatbund: Arbeit für die Kulturlandschaft
Ende des 19. Jh. definierten Berliner Intellektuelle
das bis dahin militärisch besetzte Wort Heimatschutz - auch in
den USA gibt es seit kurzem ein Ministerium für Heimatschutz -
als Oberbegriff für Natur- und Denkmalschutz, für den Erhalt der
Landschaft und der gebauten Geschichte. 1904 wurde in Dresden
der Deutsche Bund für Heimatschutz gegründet, 1909 in Stuttgart
der Bund für Heimatschutz in Württemberg und Hohenzollern.
Bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs suchte man
Einfluss zu nehmen durch ein Jahrbuch mit entsprechenden Artikeln,
durch Zeitungsaufsätze, Resolutionen und Schreiben an die zuständigen
Behörden und Ministerien. Auffallend viele hochgestellte Forstleute
waren damals Mitstreiter. In Württemberg ressortierte in jener
Zeit der Naturschutz bei der Denkmal-Pflege. Als in den 1920er-Jahren
mit Dr. Hans Schwenkel erstmals ein Fachmann angestellt worden
war, der auch engagiert beim Heimatschutz mitwirkte, wurde um
das Landschaftsbild bei der Kanalisierung des Neckars gerungen
- welche Stauhöhe ist angemessen? - wurde die Verdrahtung der
Ortsbilder und der freien Landschaft beklagt, um nur zwei Themen
herauszugreifen.
Nachdem im Juni 1935 das Reichsnaturschutzgesetz
erlassen war, das erstmals die Ausweisung von Naturschutz- und
Landschaftsschutzgebieten regelte, drängte Dr. Schwenkel den Bund,
Flächen in Naturschutzgebieten zu erwerben. Heute sind vom Jagsttal
bis nach Oberschwaben fast 300 ha im Besitz des Schwäbischen Heimatbundes,
wie sich der 6.000 Mitglieder starke Verein seit seiner Wiedergründung
1949 nennt. In letzter Zeit ist zu dem Eigentum an ca. 25 Plätzen
im Land verstärkt die Pflege gekommen, sei es durch vertraglich
gebundene Landwirte, sei es durch Mäh- und Bergeaktionen der Mitglieder.
Am Spitzberg bei Tübingen konnte durch Lager des Service Civil
International mit Studenten aus ganz Europa ein Stück alte Weinberglandschaft
freigelegt und im Bereich der Mauern und Steigen erneuert werden.
Im Pfrunger-Burgweiler Ried unweit von Ravensburg
besitzt der SHB 150 ha. In Wilhelmsdorf am südlichen Rand des
zweitgrößten Hochmoors Süddeutschlands, das einmal 2.400 ha umfasste,
hat der Verein vor zehn Jahren ein privates Naturschutzzentrum
eingerichtet, das mit einem Betreuungsvertrag mit dem offiziellen
Naturschutz verbunden ist. Ausstellung, Riedlehrpfad und Führungen
dienen der Information, im Naturerlebnisraum werden Schüler unterrichtet.
Seit zwei Jahren läuft nun, vom SHB initiiert und
vorangetrieben, ein Großprojekt zur Wiedervernässung auf 700 ha
Kernfläche. In zehn Jahren werden mehr als sechs Millionen Euro
in den Grunderwerb, in den Ausgleich mit der Landwirtschaft und
in die Besucherlenkung investiert, finanziert vom Bundesamt für
Naturschutz in Bonn, vom Land Baden-Württemberg, und einer Stiftung,
in der unter der Leitung des SHB alle Anliegergemeinden und die
Landkreise Sigmaringen und Ravensburg vereint sind. Der entscheidende
Schritt vom Mahner zur direkten Arbeit in der Kulturlandschaft
ist endgültig getan.

11. Dr. Jörg Leist, Oberbürgermeister a.D., AG Heimatpflege im
württembergischen Allgäu, Wangen im Allgäu:
Heimatpflege braucht Landschaftspflege
Man könnte auch sagen: Heimat braucht Landschaft. Für die meisten
Menschen ist "Heimat" lokalisierbar. "Heimat" ist deshalb im landläufigen
Sinn orts- und meist auch landschaftsgebunden. Regelmäßig bildet
die Landschaft - durch ihre Besonderheit, im Idealfall durch Harmonie
und Schönheit - den Urgrund des Heimatgefühls. Dieses wird zunächst
unbewusst im Kindesalter, später bewusst, aus dem Zusammenspiel
aller Sinne entwickelt. Am schönsten und eindrücklichsten zeigt
uns Joseph von Eichendorff den Zusammenhang zwischen Heimat und
Landschaft in seinem Gedicht "Abschied":
O Täler weit, o Höhen,
O schöner, grüner Wald
Du meiner Lust und Wehen
Andächt'ger Aufenthalt!
Da draußen, stets betrogen
Saust die geschäft'ge Welt,
Schlag noch einmal die Bogen
Um mich, du grünes Zelt !
Wenn es beginnt zu tagen,
Die Erde dampft und blinkt
Die Vögel lustig schlagen,
Dass dir dein Herz erklingt:
Da mag vergehn verwehen
Das trübe Erdenleid,
Da sollst Du auferstehen
In junger Herrlichkeit!
Da steht im Wald geschrieben
Ein stilles, ernstes Wort
Vom rechten Tun und Lieben
Und was des Menschen Hort.
Ich habe treu gelesen
Die Worte schlicht und wahr,
Und durch mein ganzes Wesen
Wards unaussprechlich klar.
Bald werd ich dich verlassen,
Fremd in der Fremde gehen,
Auf buntbewegten Gassen
Des Lebens Schauspiel sehn;
Und mitten in dem Leben
Wird deines Ernsts Gewalt
Mich Einsamen erheben,
So wird mein Herz nicht alt.
Ich versichere, dass ich kein Romantiker bin. Noch immer wird
täglich Kulturlandschaft ausgeplündert und verletzt. Wohl haben
sich im Naturschutz- und Ökologiebereich die Verhältnisse verbessert,
dafür ist die Baugesetzgebung seit 40 Jahren von Novelle zu Novelle
der Landschaft abträglicher geworden. Den Denkmalpflegern ist
das Geld ausgegangen. 40 Jahre Praxis haben mich zum - allerdings
unverdrossenen - Pessimisten gemacht. Aus eigenen Fehlern habe
ich zu lernen versucht.
Wo lernt ein Bürgermeister schließlich Kulturlandschaftspflege
?
Ich stehe nach wie vor zur konsequenten Basisarbeit, über deren
(Un)Möglichkeiten im Gebiet des Württembergischen Allgäus ich
kurz berichten will.

12. Wolfgang Thiem, Landesdenkmalamt Baden-Württemberg, Außenstelle
Tübingen:
Sind Denkmallandschaften konservierte, statische Heimat?
Der Begriff "Denkmallandschaft" ist bislang kein gängiger Rechtsbegriff
in den länderbezogenen Denkmalschutzgesetzen. Allerdings wird
immer häufiger von Denkmallandschaften gesprochen. Sie entstehen
vor allem in der Vernetzung von Bau- und Kunstdenkmälern mit weiteren
Relikten der historischen Kulturlandschaft, die gemeinsam durch
eine geschichtliche Kraft geprägt wurden. Bekannte Beispiele sind
die Bergbaulandschaft des Harzes, die Klosterlandschaften von
Maulbronn und Salem oder das Gartenreich Dessau-Wörlitz.
Denkmallandschaften als besonders hochwertige, denkmalreiche
und geschichtsträchtige Ausschnitte der historischen Kulturlandschaften
werden bislang nur als Weltkulturerbestätten geschützt, so z.B.
das Mittelrheintal oder die Klosterinsel Reichenau. Lediglich
das Denkmalschutzgesetz von Schleswig-Holstein beinhaltet seit
seiner Novellierung den Schutz der historischen Kulturlandschaft.
Der Blick in die Vergangenheit zeigt, dass gerade die Strukturen
der Landschaft, die wir als historische Elemente betrachten, immer
einem Wandel unterworfen waren. Die wirtschaftlichen Umwälzungen,
die sich seit der Mitte des 20. Jahrhunderts enorm verstärkten,
überformten die Landschaft immer intensiver, so dass die oft über
Jahrhunderte gewachsenen Strukturen vielfach verschwanden. Selbst
in den Denkmallandschaften, die ja heute nur als Denkmallandschaften
angesprochen werden, weil sich dort die historischen Strukturen
vergleichsweise gut überliefert haben, gab es zahlreiche Veränderungen.
Und so wie die historische Kulturlandschaft in der Vergangenheit
alles andere als statisch war, so wird es auch in Zukunft sein.
Es liegt in der Natur der Sache, dass die in einer anderen Epoche
entstandenen Elemente heute nicht mehr zeitgemäß sind und einem
Funktionswandel unterliegen. Aus einst zur Bewirtschaftung notwendigen
Weinbergsmauern sind Biotope geworden, aus den Schlössern einer
Residenzlandschaft, einst zum repräsentativen Residieren des Adels
und der Herrschaft errichtet, sind heute touristische Anziehungspunkte
geworden. Auftrag der Denkmalpflege ist es im weitesten Sinne,
sich um das materielle, vornehmlich gebaute, kulturelle Erbe zu
sorgen. Dies schließt eigentlich die vom Menschen gestaltete Kulturlandschaft
mit ein.
Doch viele Denkmalpfleger tun sich mit dem flächenhaften Denkmalschutz
immer noch schwer und möchten sich auch aufgrund immer weiter
zurückgehender finanzieller und personeller Ressourcen auf die
klassischen Gebiete der Denkmalpflege zurückziehen. Gleichzeitig
wird der gesellschaftliche Druck zum Schutz von historischen Kulturlandschaften
größer, wie es beispielsweise die Ausweisungspraxis der Welterbestätten
veranschaulicht. Auch im kommunalen Bereich hat man erkannt, dass
diejenigen Elemente, die einer Landschaft Individualität und damit
auch touristischen Erholungswert verleihen, zumeist historischen
Ursprunges sind und gepflegt werden müssen.
Die Denkmalpfleger sind also gefordert, sich künftig stärker
um den Erhalt von historischen Kulturlandschaften zu bemühen.
Trotzdem sind Befürchtungen, dass die Landschaft dadurch eine
Käseglocke übergestülpt bekommt und sich nicht mehr weiter entwickeln
darf, völlig unbegründet. Die alltägliche Praxis zeigt, dass man
als Denkmalpfleger erst gerufen wird, wenn Veränderungen anstehen.
So wird man als Denkmalpfleger erst gehört, wenn die Flurneuordnung
angelaufen ist. Wir müssen dann die aus unserer Sicht erhaltenswerten
Strukturen benennen, wobei natürlich klar ist, dass dies nicht
das historische Parzellengefüge sein kann, da genau dieses ja
neu geordnet werden soll. Es gilt, auf die notwendigen Veränderungen
so Einfluss zu nehmen, dass der Verlust von Denkmalsubstanz möglichst
gering bleibt. Das Ergebnis ist immer ein Kompromiss.

13. Prof. em. Dr. Dr. h.c. Wolfgang Haber, Technische Universität
München, Lehrstuhl für Landschaftsökologie, Ehrenmitglied des
DRL :
Pflege des Landes - Verantwortung für Landschaft und Heimat
"Land" und "ländlich" prägen die Namen der Tagungsveranstalter.
"Land" heißt Gegensatz zu Gewässer und zur Stadt, ist Lebensraum
land-gebundener Lebewesen, eine Ressource und bezeichnet auch
ein Territorium. Der "Wirt des Landes" ist der bäuerliche Nutzer
der Ressource, die er durch "Kultivierung" diesem Zweck angepasst
hat und zugleich als Territorium sich aneignen konnte. Dieser
Land-Besitz wird vererbt und erzeugt verantwortliche Bindung,
erkennbar an Schutz und Pflege der "Kulturen". Land-Wirtschaft
nutzte die Land-Ressource vielseitig und ermöglichte damit die
Existenz von nicht bäuerlich lebenden, dörflich-städtischen Menschen,
die eine zweite, geistige "Kultivierung" und damit auch den neuen
Gegensatz "städtisch-ländlich" schufen. Er ist zugleich ein "Punkt-Fläche-Kontrast",
denn Landwirtschaft bedarf ausgedehnter Flächen und bewirkt damit
den "ländlichen Raum". Seine Erzeugungs- und Versorgungsfunktion
wird in neuerer Zeit von anderen Werten der städtischen Gesellschaft
wie Ausgleich, Ergänzung, Umweltschutz und Heimatgefühl überlagert.
Das landwirtschaftliche Landbesitz-Mosaik ist zur "Landschaft"
als öffentlichem Gut und damit zum Gegenstand einer gesellschaftlichen
Sensibilisierung für eine ganzheitliche Landes-Pflege geworden.
Sie stellt in ihren sektoralen Aufzweigungen und unterschiedlichen
räumlichen Dimensionen ein aktuelles Konflikt- und Gestaltungsfeld
dar und fordert neue Verantwortlichkeiten. Ob sie politisch zu
meistern sind, ist eine offene Frage.

14. PD Dr. Mario F. Broggi, Direktor der Eidgenössischen Forschungsanstalt
für Wald, Schnee und Landschaft, Birmensdorf :
Eckpunkte einer europäischen Kulturlandschaftsforschung
Im vorliegenden Beitrag wird am Beispiel der Schweiz dargelegt,
wie die "Verbrauchs-landschaft" die "Schönlandschaft" frisst.
Wir müssen dafür besorgt sein, dass mehr Raumsensibilität entwickelt
und die laufende Landschaftszerstörung nicht blind akzeptiert
wird. Wir regeln zwar Bauabstände, aber es wird kaum die Frage
gestellt: Wie gehe ich mit Raum um? An Beispiel des Bauens in
der Landschaft werden zwei wichtige Fragen gestellt:
Wie machen wir besiedelten Raum wieder zu einem Teil der Kulturlandschaft,
ausgestattet mit mehr Lebensqualität? Wie betten wir die Städte
und übrigen Ortschaften in die Landschaft ein?
Wie schaffen wir es, Bauen nicht nur als unerwünschten Eingriff,
sondern als bewusst gestalteten Bestandteil unserer Kultur zu
formen?
Außerhalb des stark prägenden Bauens in der Landschaft muss es
uns gelingen, ein integrales Landressourcen-Management zu entwickeln.
Dieses bedingt eine ethische Grundhaltung in der Landnutzung mit
einer standortsgemäßen und nachhaltigen Nutzung des Bodens unter
Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen und der kulturell geschaffenen
Werte. In peripheren wirtschaftlichen Lagen wird es immer bedeutsamer
werden, weiter entwickelte extensive Landnutzungen zu etablieren,
die keine Abfälle verursachen (Niedrigenergie-Landwirtschaft).
Die Problematik der fehlenden Raumwahrnehmung sowie einige Erfordernissen
einer nachhaltigen Wirtschaftsentwicklung werden im Referat weiterentwickelt
und es werden sechs Folgerungen für die Forschung gezogen. So
wird etwa festgestellt, dass die Forschung über die "Driving forces"
dieser Veränderungen zu schwach ausgestattet ist und zu wenig
mit den Landnutzern verknüpft wird. Plattformen für dieses neuen
Wirken sind zu ermöglichen. Wollen wir an die Wurzel der Probleme
gehen, so hat dies vor allem etwas mit der Beeinflussung des Mobilitätsverhaltens
zu tun. Es gilt sich intelligent zu entschleunigen. Wir erreichen
dies u.a. durch Zusammenrücken von Funktionen zwecks Vermeidung
von Zersiedelung sowie durch Reduktion des Individualverkehrs
mit Begünstigung des öffentlichen Verkehrs. Des Weiteren ist ein
gigantisches Reparaturwerk angesagt, wo wir zu schnell und unreflektiert
Schaden angerichtet haben. Sinnhaftes Beispiel sind die anlaufenden
Revitalisierungen von Fliessgewässern, den Adern der Landschaft.

|