Die verschleppte Nachhaltigkeit: frühe Forderungen - aktuelle Akzeptanz - Heft 74

Kurzfassungen der Vorträge des fachlichen Teils der Festveranstaltung des DRL

Nachhaltigkeit in Politik und Wirtschaft: Langstreckenlauf mit Sprintern

Stadt verbraucht Freiraum – Landschaft braucht Stadt

Forstwirtschaft – wirklich nachhaltig?

Naturschutz in der Akzeptanzfalle?

 


Professor Dr. Herwig Hulpke, Deutscher Rat für Landespflege, ehem. Konzernstab Bayer AG, Leverkusen:
Die Konkretisierung der Nachhaltigkeitsidee als wichtigste Herausforderung

  • Bedeutung und Deutungen der globalen Nachhaltigkeitsidee.
  • Die Aufgaben stoßen sehr rasch an diverse Konflikte, so dass ein Konflikt-Management eingerichtet werden muss.
  • Verschiedene Konflikt-Kategorien und Fehler bei deren Bewältigung.
  • Ganzheitliche Risiko-Betrachtungen als Weg einer gemeinsamen Maßstabsfindung.
  • Menschliches Handeln und Entscheiden in der Ausprägung von Gestaltung und Verzicht.
  • Technische und darüber hinausgehende Ansätze der Industrie und Wirtschaft. Gestaltungsidee von „Responsible Care“.
  • Beobachtung, Kontrolle und Förderung dieser Initiativen.


Dr. Stefan Körner, Institut für Ökologie, TU Berlin:
Naturschutz und Landschaftsgestaltung in suburbanen Räumen

Das Leitbild urbaner und nachhaltiger Stadtentwicklung ist die kompakte europäische Stadt. Es basiert auf einer in der europäischen Kultur tief verankerten Trennung von Stadt und Land. Aufgrund der Eigendynamik technologischer, wirtschaftlicher und sozialer Entwicklungen sind jedoch allerorten suburbane Räume entstanden, die diese gewohnte Trennung aufheben. Die damit verbundenen ökologischen Probleme, verursacht vor allem durch den ansteigenden Individualverkehr und den Flächenverbrauch, sind zum einen immens. Zum anderen stellen diese Räume anästhetische Wüsten dar. Sie fallen, weil sie über keine identifizierbare Eigenart verfügen, nahezu völlig aus der Wahrnehmung heraus. Diese Problemkonstellation stellt eine originäre Herausforderung für den Naturschutz dar. Ohne das Leitbild der europäischen Stadt und der urbanen Innenentwicklung gegen das der dezentralen Stadtregion ausspielen zu wollen, erscheint die bloße Abwehr der Suburbanisierung zunehmend als perspektivlos, ihre Anerkennung hat derzeit aber noch eher den Charakter einer fatalistischen Fügung ins offenbar Unvermeidliche.

In dieser Situation ist, angestoßen durch Thomas Sieverts Buch über die „Zwischenstadt“, der Bedarf an neuen Konzepten groß. Das betrifft auch das Bedürfnis nach zeitgemäßen Formen von Natur, die nicht mehr ausschließlich in Idealbildern einer vorindustriellen Kulturlandschaft verhaftet sind. Gleichzeitig werden alte Ideale der Landesverschönerung und des Heimatschutzes neu artikuliert. Der Beitrag fasst diese Diskussion zusammen und erörtert u. a. auch im Hinblick auf das derzeitige Akzeptanzdefizit des Naturschutzes die Rolle des Naturschutzes und der Landschaftsgestaltung bei der Qualifizierung suburbaner Räume. Es wird die These erläutert, dass die aktuellen Konzepte der Gestaltung urban-industrieller Natur nicht so ohne weiteres auf die suburbanen Räume übertragen werden können.


Professor Dr. Lothar Finke, Lehrstuhl für Landschaftsökologie und Landschaftsplanung, Universität Dortmund:
Stadt verbraucht Freiraum – Landschaft braucht Stadt

Das Kurzreferat gliedert sich in drei Blöcke: Derzeitige Entwicklungstrends, Strategien der Trendumkehr und die Frage, warum Landschaft wohl Stadt brauchen sollte.

Der erste Teil befasst sich zunächst mit belegten Grundtendenzen der Raum- und Siedlungsentwicklung und geht dabei in aller Kürze auf seit Jahren immer wieder diskutierte Fakten ein, die nach überwiegender Auffassung als eindeutig nicht nachhaltig zu bezeichnen sind – z. B.:

  • Anhaltend hoher Freiflächenverbrauch
  • Suburbanisierung
  • Wiedernutzung von Brachen – kaum mehr als ein Schlagwort
  • Entleerung und Verfall alter Zentren und Kernstädte.

Im zweiten Block wird darauf eingegangen, wie dieser Trend gebrochen oder gar umgekehrt werden könnte – auch hierzu wurde in den letzten Jahren bereits alles Denkbare mehrfach gesagt, z. B.:

  • Einsatz ökonomischer Steuerungsinstrumente
  • Strikte Anwendung geltenden Rechts
  • Novellierung geltenden Rechts, z. B. des Steuerrechts, der Förderpolitik.

Als Zwischenfazit ergibt sich, dass ganz unterschiedliche Instrumente z. B. auf Basis einer SUP zielorientiert zusammengeführt werden müssten, wenn denn die Leitvorstellung einer nachhaltigen Raum- und Stadtentwicklung nicht nur politisch proklamiert, sondern in die Tat umgesetzt werden soll.

Der dritte Block setzt sich mit der These der Themenstellung auseinander, dass Landschaft Stadt brauche. Soll die Stadt wirklich in die Landschaft gehen – Stichworte sind: Zersiedlung, Speckgürtel, Zwischenstadt.

Hier wird die These vertreten, dass Raumordnung auf allen Ebenen am Konzentrationsprinzip festhalten muss, um innerstädtische Freiflächen einerseits und zusammenhängende Freiräume im Umland als gewachsene Kulturlandschaften andererseits zu erhalten. Der in Politik und Wissenschaft beobachtbaren Tendenz des Gesundbetens von Zersiedlungserscheinungen wird ganz entschieden widersprochen.


Professor Dr. Karl-Reinhard Volz, Insitut für Forstpolitik, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg:
Forstwirtschaft – wirklich nachhaltig?

Die Frage, ob die Forstwirtschaft „wirklich nachhaltig“ ist, lässt sich nur unter zwei Voraussetzungen beantworten: Zum einen ist dafür eine eindeutige Definition der Kriterien erforderlich, an denen die Nachhaltigkeit unter Berücksichtigung der Vielfalt gesellschaftlicher Ansprüche an den Wald zu messen ist; zum anderen ist dafür „die“ Forstwirtschaft in einer Weise zu erfassen, die den unterschiedlichen Zielen von 1,6 Mio. Waldeigentümern gerecht wird.

Dies führt entweder zu einer unspezifischen Zusammenfassung auf nationaler Ebene oder zu einer einzelbetrieblichen Nachhaltigkeitsprüfung. In diesem Fall muss darüber hinaus geklärt werden, ob bereits die glaubhafte Bereitschaft der Eigentümer zur Umsetzung bestimmter Nachhaltigkeitskriterien genügt bzw. bis zu welchem Schwellenwert die betreffenden Indikatoren zu erfüllen sind. Bei Produktionszyklen von bis zu 250 Jahren ist es für den einzelnen Waldeigentümer nahezu unmöglich, die Art der Waldbewirtschaftung von heute auf morgen mehr als oberflächlich umzustellen. Beide Wege werden derzeit in der Forstwirtschaft beschritten: Im Zuge des pan-europäischen „Helsinki-Prozesses“ wird die nationale, über die Zertifizierung die einzelbetriebliche Schiene verfolgt.

Andererseits: Seit über 200 Jahren ist die „Nachhaltigkeit“ das zentrale Handlungsprinzip der deutschen Forstwirtschaft. Sie ist der einzige Wirtschaftszweig, in dem ein Nachhaltigkeitskodex in allen einschlägigen Gesetzen verankert ist. In enger Abhängigkeit von den jeweiligen gesellschaftspolitischen Strömungen haben Praxis und Wissenschaft den Weg von einer „Holzertragsnachhaltigkeit“ zu einer multifunktionalen Nachhaltigkeit vollzogen und hierzu operationale Managementkonzepte entwickelt. Zur Multifunktionalität (Mehrfachnutzung auf der gesamten Waldfläche) gehört seit jeher auch die „Nutzung“ der Wälder für Naturschutzbelange. Ein weiterer Schritt in dieser Entwicklung ist der Übergang zu einer ökosystemaren Nachhaltigkeit, bei der die biologische Vielfalt, die Produktivität, die Regenerationsfähigkeit und die Vitalität der Waldökosysteme einen generellen Schutz genießen. Hiermit verbindet sich allerdings das Problem, dass es viel schwieriger als angenommen ist, operationale Kriterien einer ökosystemaren Nachhaltigkeit auf eindeutiger wissenschaftlicher Grundlage zu formulieren; einziger Ausweg ist deren normative Setzung, mit der Folge, dass sie sich in komplizierten gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen gegen die gleichgewichtige Forderung nach ökonomischer Effizienz und sozialer Verteilungsgerechtigkeit behaupten müssen.

Diese Schwierigkeit und Konflikthaftigkeit spiegelt sich ganz konkret in der derzeitigen forstpolitischen Situation in Deutschland wider, in der die Nachhaltigkeit der Holzerträge und die multifunktionale Nachhaltigkeit nahezu uneingeschränkt umgesetzt sind, die ökosystemare Nachhaltigkeit aber daran krankt, dass das ökologische Mindestniveau der Waldnutzungen nach wie vor auf einen angemessenen und gerechten Aushandlungsprozess wartet. Gerecht heißt in diesem Zusammenhang nicht nur inhaltliche Einsicht der Beteiligten, sondern auch, dass das Ergebnis für Waldeigentümer und Gesellschaft finanziell tragbar sein muss.

Im Zentrum der forstpolitischen Diskussion steht derzeit ein Katalog ökologisch ausgerichteter normativer Kriterien, die den Ansprüchen und Bedürfnissen der beteiligten Gruppen genügen sollen. Ob diese Kriterien allerdings je die Chance erhalten, als „Gute (naturschutz-) fachliche Praxis“ Bestandteil einer „Ordnungsgemäßen Forstwirtschaft“ zu werden und damit zugleich der Forderung nach einer umfassenden Nachhaltigkeit in der Forstwirtschaft zu entsprechen, wird sehr davon abhängen, ob es gelingt, einen sachgerechten partizipativen Prozess anzustoßen und die Akzeptanz der Betroffenen zu gewinnen.


Dr. Georg Sperber, Bund Naturschutz Bayern, Ebrach:
Forstwirtschaft – wirklich nachhaltig?

Das weltweite Ansehen deutschen Forstwesens geht auf die erfolgreichen Anstrengungen zurück, mit Beginn des 19. Jahrhunderts einer, zumindest regional, drohenden Holznot infolge von Entwaldung und Waldzerstörung durch Wiederaufforsten, Zurückdrängen waldschädlicher Nutzungen wie Überweidung oder Streunutzung und Intensivierung der Holzproduktion zu begegnen. Tatsächlich war die Holznutzung seither trotz der politischen Wechselfälle insgesamt nachhaltig, d. h., es wurde nicht mehr Holz eingeschlagen als nachwächst. Heute sind Deutschlands Wälder reicher an Holzvorrat und Holzzuwachs als zuvor in der überschaubaren Forstgeschichte. Möglich war diese Entwicklung auch deshalb, weil seit 1860 ein die eigenen Nutzungsmöglichkeiten überschreitender Mehrbedarf an Holz und Holzprodukten durch Importe ausgeglichen werden konnte, die auch aus der Exploitation tropischer und borealer Naturwälder stammen.

  • Die nachhaltige Holznutzung hatte unübersehbare Folgen für die Qualität der Produktionsstätte Wald. Bereits die historischen Arten der Waldnutzung hatten die Wuchskraft der Standorte tiefgreifend verschlechtert durch übermäßigen Biomassenentzug infolge von Holzübernutzung, Streunutzung, Plaggenhauen, übermäßige Beweidung. Mit wachsender Bevölkerungsdichte und Industrialisierung wurden die Wälder zunehmend zerschnitten von Verkehrstrassen, Energieleitungen u. ä. Schadstoffeinträge aus verunreinigter Luft mit schwerwiegenden Folgen für Vitalität des Baumbestandes nahmen alarmierend zu, die Böden versauern und die Artenvielfalt nimmt durch Eutrophierung ab. Der Wasserhaushalt ist durch Fließgewässerregulierung, Moorabbau, flächenhafte Entwässerung, Humusschwund sowie durch ein dichtes Netz von Forststraßen und Maschinengassen gestört.
  • Das ursprünglich von Buchenmischwaldgesellschaften geprägte Waldland Deutschland wurde im 19. Jahrhundert vorwiegend in Koniferen-Kunstforste aus Fichte und Kiefer umgewandelt. Neben der natürlichen Baumartenausstattung ging auch die natürliche mosaikartige, ungleichaltrige Waldstruktur, die in den traditionellen Wirtschaftsformen des Plenterwaldes und des Mittelwaldes im Prinzip bewahrt geblieben war, mit der akademischen Kunstform des „Normalwaldes“ im schlagweisen Hochwald verloren. Nadelholzdominierte Altersklassenforste sind instabil und zunehmend durch biotische und abiotische Störungen gefährdet (Sturm, Schneebruch, Massenvermehrungen von Insekten und Pilzen). Bereits 1882 charakterisierte der Münchner Waldbauprofessor C. Gayer die im 19. Jahrhundert entstandenen „neuen Wälder“, Produkte des wissenschaftlichen Waldbaus: „Sehen aus wie Wald, sind’s aber nicht!“
  • Besonders schwerwiegend werden die Waldökosysteme seit 100 und mehr Jahren durch die jagdliche Überhege einiger pflanzenfressender Wildtierarten, insbesondere Rehe und Rotwild, belastet. Im Gegensatz zu anderen Störfaktoren, die wie Holzübernutzung und Streunutzung durch Anforderungen der Gesellschaft bedingt waren, trägt das deutsche Forstwesen am Entstehen eines waldverderblichen Jagdkultes historisch eine entscheidende Mitschuld. A. Leopold, berühmter Begründer der Wildbiologie und Vater der Wildnisidee, benannte 1935 die Schizophrenie einseitiger jagdlicher Schalenwildzucht in den zu Holzäckern degradierten Forsten als „The German Problem“ und er hatte durchschaut, dass die Privilegien jagender Förster, die nicht bereit waren, ihr privates Vergnügen gegenüber dem allgemeinen Wohl zurück zu stellen, eine Antwort darauf seien, warum dieses Problem nicht gelöst wurde.
  • Schwerwiegende Verluste an natürlicher Artenvielfalt hat die einseitige Nadelholzzucht in strukturarmen Altersklassenforsten bei zu kurzen Umtrieben und Mangel an reifen Entwicklungsstadien, durch Entmischung in Baum-, Strauch- und Krautschicht durch übermäßigen Wildverbiss, Fehlen von Totholz und Requisiten wie Höhlen- und Horstbäumen zur Folge. Bereits 1904 hatte H. Conwentz, bedeutendster Pionier im deutschen Naturschutz, der Forstwirtschaft vorgeworfen, durch ihre Kulturtätigkeit sei vom ursprünglichen Wald nichts mehr übrig geblieben, „statt dessen erhebt sich die Forst, welche eine künstliche Anlage im großen Stil vorstellt und mit dem einstigen deutschen Wald nichts mehr gemein hat. Denn in der Forst werden nur diejenigen, teilweise fremden Holzarten künstlich erzogen, welche den höchsten Gewinn bringen. Hierdurch erfährt die ganze Landschaft wie auch die Zusammensetzung der Flora und Fauna eine völlige Veränderung.“

Soll deutsche Forstwirtschaft künftig im umfassenden Sinne des UNO-Erdgipfels 1992 in Rio nachhaltigen Forderungen entsprechen, müssten folgende Anstrengungen unternommen werden:

  1. Reduzierung waldschädigender Schadstoffeinträge.
  2. Sparprogramm zur Reduktion des weltweit übermäßigen Holzverbrauchs.
  3. Wiederbewaldungsprogramm.
  4. Umrüstung instabiler Altersklassenforste in stabilere, ungleichaltrige „Dauerwälder“.
  5. Umfassende Standortsanierung.
  6. Holzvorratssteigerung.
  7. Unverzügliche wirksame Kontrolle der Schalenwildbestände auf ein für die Waldvegetation verträgliches Maß.
  8. Umfassender Schutz und Wiederherstellung der natürlichen Artenvielfalt der Wälder.
  9. Erhaltung und Wiederherstellung funktionstüchtiger öffentlicher Forstverwaltungen zur Bewältigung der Zukunftsaufgaben.
  10. Über Waldgesinnung allgemeines Verständnis der Bedeutung nachhaltigen Denkens für eine Strategie des Überlebens wecken.


PD Dr. Mario Broggi, Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft, Birmensdorf, Schweiz:
Kämpft der Naturschutz mit der Akzeptanz?

Der Naturschutz ist in der scheinbar komfortablen Lage, dass sich die Bevölkerung fast einstimmig für den Schutz der Natur ausspricht. Doch diese komfortable Lage täuscht: Trotz großer Akzeptanz verbessert sich der Zustand der Natur nicht. Dafür gibt es viele Gründe, von denen zwei hervorgehoben werden sollen.

Der Naturschutz ist geprägt und getragen durch das ehrenamtliche Engagement unzähliger Einzelpersonen, die sich mit viel Begeisterung und gutem Willen für ein großes Ziel einsetzen. Das häufig fehlende systemische Verständnis lässt den Naturschutz konzeptlos und unprofessionell erscheinen. Als zweiter, eng mit dem ersten verbundenen Grund kann ein eigentlicher Kommunikationsnotstand geortet werden. Nicht zuletzt wegen der mangelnden Systemkenntnisse und der unklaren Ziele wird die Kommunikation zwischen den Fachleuten und den Laien leicht dogmatisch, moralisierend oder belehrend.

Für den nachhaltigen Schutz der Natur im weitesten Sinne besteht diesbezüglich großer Handlungsbedarf. Die Ausbildung, Forschung und Lehre im Naturschutz muss auf allen Stufen verbessert werden. Gleiches gilt auch für die Kommunikation zwischen Naturschützern und dem Rest der Bevölkerung. Das Know-how dazu fehlt jedoch noch vielerorts, damit tragfähige, partizipative oder diskursive Lösungen den Erfolg des Naturschutzes sichern können. Nehmen wir diese Herausforderung an, um der Natur einen Schritt näher zu kommen.


Professor Dr. Konrad Ott, Deutscher Rat für Landespflege, Professur für Umweltethik, Ernst-Moritz-Arndt Universität Greifswald:
Akzeptanzdefizite im Naturschutz

Es gibt einen Unterschied zwischen Akzeptanz (etwas findet Anerkennung) und Akzeptabilität (etwas verdient Anerkennung aufgrund guter Gründe).

Der Naturschutzgedanke und auch das Konzept der Nationalparke stoßen auf weitgehende Akzeptanz in der gesamten Bevölkerung Dieser generellen und entsprechend vagen Akzeptanz in der breiten Öffentlichkeit entspricht jedoch keine Akzeptanz konkreter Maßnahmen „vor Ort“. Die faktische Durchschlagskraft der Begründungen des Naturschutzes auf die Überzeugungsbildung in konkreten Einzelfällen ist offenbar begrenzt. Kleinere Naturschutzgebiete und natürlich auch Naturdenkmale werden weitaus eher akzeptiert als der großräumige Schutz, der für Nationalparke charakteristisch ist. Man spricht hier von einem „Akzeptanzkrater“.

Es ist festzuhalten, dass der Radius dieses sog. Akzeptanzkraters klein ist und vornehmlich die unmittelbar auf dem Gebiet des Nationalparks gelegenen Gemeinden betrifft. Nicht nur die Ansiedlung großtechnischer Anlagen (wie Flughäfen, MVAs, Atomkraftwerke usw.), sondern auch der Naturschutz hat insofern mit dem sog. NIMBY-(Not-in-my-backyard)-Problem zu kämpfen.

Als Ergebnis sozialwissenschaftlicher Untersuchungen gilt in der Literatur als sicher, dass die vorhandenen Akzeptanzdefizite nicht allein mit ökonomischen Faktoren erklärt werden können. Es lassen sich fünf Gruppen von Gründen für Akzeptanzdefizite im Naturschutz unterscheiden

  1. ökonomische Nachteile bzw. ungünstige Rahmenbedingungen finanzieller und organisatorischer Art,
  2. mangelnde Vertrautheit mit Naturschutzzielen,
  3. konträre Werthaltungen und Überzeugungen,
  4. Kommunikationsformen, die von den Beteiligten als unbefriedigend oder als autoritär erlebt werden und
  5. Angst vor Verhaltenseinschränkungen, Bevormundung und Fremdbestimmung.

Schwerpunkte des Vortrags beziehen sich auf die Gründe 3-5 für Akzeptanzdefizite am Beispiel von Nationalparken.

Die Wahrnehmungsmuster der lokalen Bevölkerung und der Naturschützer unterscheiden sich erheblich voneinander: Naturschützer sind in ihrer Wahrnehmung an naturschutzfachlichen Kriterien orientiert, während Betroffene sich nach ihren traditionellen Nutzungsformen und lokalen Gewohnheiten richten. Wirkliche oder auch nur befürchtete Einschränkungen gewohnheitsrechtlicher Zugangs- und Nutzungsmöglichkeiten z. B. in den Kernzonen der Nationalparke können zur Ursache für Akzeptanzverweigerungen werden.

  • Der Naturschutz steht im Ruf, nur zu verhindern und Entwicklungen „abzuwürgen“. Es entsteht häufig der irrige, aber hartnäckige Eindruck, als wolle der Naturschutz auch zu den materiellen und sozialen Lebensverhältnissen der Referenzepochen (1850, 1780) zurück.
  • Die Leitlinie des Kulturlandschaftsschutzes und auch die des Artenschutzes findet breite Zustimmung; zurückgewiesen wird aber meist die Leitlinie des Prozessschutzes.
  • Die Regulierung von Verhalten verleiht dem behördlichen Naturschutz in den Augen vieler Nutzer administrative, autoritäre und dogmatische Züge und ein entsprechendes Negativ-Image.
  • Die Kommunikation zwischen Naturschützern und lokaler Bevölkerung wird allgemein als unbefriedigend beurteilt: Die Vorgehensweise von Politikern und Behörden wird allgemein als intransparent, uninformativ, autoritär und „undemokratisch“ empfunden. Beklagt werden fehlende Mitsprache- und Mitwirkungsmöglichkeiten.

Der Naturschutz sollte sich Partizipationsforderungen nicht entziehen, die in allgemeinen demokratischen Idealen gründen und die in anderen Kontexten gerade auch von der Umweltbewegung eingeklagt werden. Daher wird vorgeschlagen, verstärkt diskursive und partizipative Verfahren sowie Verfahren der Leitbildentwicklung und Mediationsverfahren zur Verbesserung der Akzeptanz und zur Konfliktlösung einzusetzen. Empfohlen werden folgende Maßnahmen zum Abbau von Akzeptanzdefiziten:

  • Verbesserte Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit durch die Naturschutzbehörden,
  • Verbesserte Fortbildung der Mitarbeiter in diesem Bereich,
  • Einigkeit zwischen unterschiedlichen Behörden,
  • Gründung von Kuratorien, Assoziation und dergl.,
  • Bildung von naturschutzfreundlichen lokalen Allianzen,
  • Öffentliche Debatte über Pflege- und Entwicklungspläne und Entwicklungsziele,
  • Organisierte Verfahren lokaler Leitbildentwicklung,
  • Mediationsverfahren.

letzte Aktualisierung: 25.01.2007