Der Beitrag der Waldwirtschaft zum Aufbau eines länderübergreifenden Biotopverbundes - Heft 76

Kurzfassungen der Vorträge

  1. Andreas Pardey: Anforderungen und Aufgaben eines länderübergreifenden Biotopverbunds
  2. Karl-Friedrich Sinner: Biotopverbund und Waldwirtschaft
  3. Christoph Heinrich: Forderungen an einen Biotopverbund in der Waldwirtschaft aus der Sicht eines Naturschutzverbands
  4. Winfried Duffner: Möglichkeiten für den Aufbau eines Biotopverbunds im Privatwald
  5. Georg Winkel: Gute fachliche Praxis in der Forstwirtschaft als Fundament einer waldbezogenen Naturschutzpolitik
  6. Monika Wulf: Beitrag historisch alter Wälder für den Aufbau eines Biotopverbunds
  7. Olaf Schmidt: Waldschutzgebiete in Deutschland - was leisten Naturwaldreservate für den Biotopverbund im Wald?
  8. Bertram Leder: Junge Wälder und ihr Beitrag für einen Biotopverbund
  9. Herbert-Michael Staeber: Vernetzung von gewässerbegleitenden Waldtypen
  10. Rudi Suchant & Veronika Braunisch: Wälder als Kernflächen eines Biotopverbunds für Wildtiere - das Auerhuhn als Indikator
  11. Volker Zahner: Wildtierbiologische Aspekte des Biotopverbunds - das Beispiel Biber
  12. Gabriele Kluxen & Rüdiger Detsch: Chancen und Grenzen des Vertragsnaturschutzes - Honorierung ökologischer Leistungen

 


1. Dr. Andreas Pardey, Vertreter der Landesanstalt für Ökologie, Bodenordnung und Forsten NRW im Bund-Länder-Arbeitskreis „Länderübergreifender Biotopverbund“, Recklinghausen:
Anforderungen und Aufgaben eines länderübergreifenden Biotopverbunds

Nach einem Überblick über die Kernaussagen des § 3 BNatSchG zum länderübergreifenden Biotopverbund werden zunächst kurz die grundsätzlichen Ziele des Biotopverbunds als naturschutzfachlich wie -strategisch innovativer Ansatz (gegenüber einer einzelflächenfixierten Naturschutzpraxis) dargestellt und die Wälder als wesentliche Elemente eines länderübergreifenden Biotopverbunds näher erläutert. Besonderer Wert ist dabei auf die Beachtung der maßstäblichen Differenzierung von der lokal-regionalen bis zur länderübergreifend-nationalen oder gar staatenübergreifenden Ebene zu legen. Hierbei kann man u. a. die Lebensraumansprüche ausgewählter Leit- oder Zielarten heranziehen.

Im Anschluss daran werden die vom Arbeitskreis „Länderübergreifender Biotopverbund“ der Länder-Naturschutzfachanstalten und des Bundesamtes für Naturschutz erarbeiteten Vorschläge für die praktische Umsetzung des § 3 BNatSchG vorgestellt. Zunächst erfolgt die Erläuterung der verschiedenen Kriteriensätze für die Ermittlung

  • aktuell geeigneter Biotopverbundflächen,
  • des tatsächlichen Flächenbedarfs für einen funktionierenden Biotopverbund und
  • der zur Deckung des Bedarfs notwendigen Entwicklungsflächen.

Die vom Arbeitskreis vorgeschlagenen Eignungskriterien berücksichtigen die Qualitäten der Flächen (Flächengröße, Unzerschnittenheit, Ausprägung und Vollständigkeit der Biotopkomplexe), ihre Lage im Raum (z. B. in Biotopverbundkorridoren) und das Vorkommen von Zielarten, die Aufschluss über die Funktion der Flächen im Biotopverbund geben. Der Flächenbedarf ergibt sich u. a. aus den für das langfristig gesicherte Vorkommen der heimischen Arten notwendigen Biotopflächen und der Durchgängigkeit von Wanderkorridoren. Die zur Ergänzung der derzeit vorhandenen Biotopverbundflächen notwendigen Flächen müssen neben bestimmten qualitativen und räumlichen Voraussetzungen die für eine Wiederherstellung geeigneter Eigenschaften notwendigen Potenziale aufweisen.

Zum Abschluss werden die Forderungen des § 3 BNatSchG zur Bilanzierung (“...mindestens 10 % der Landesfläche...”, Absatz 1) in Verknüpfung mit der langfristigen Sicherung der Biotopverbundflächen (Absatz 4) präzisiert. Im Hinblick auf die Bilanzierung plädiert der Arbeitskreis dafür, nur solche Flächen aufzunehmen, die eine gute Biotopqualität (natürlicher und naturnaher/halbnatürlicher Lebensräume) aufweisen. Ferner sollten für den länderübergreifenden Biotopverbund im Sinne des § 3 BNatSchG nur Verbundflächen mindestens regionaler, nicht aber solche lokaler Bedeutung Berücksichtigung finden.


2. Ltd. Forstdirektor Karl-Friedrich Sinner, Leiter des Nationalparks Bayerischer Wald, Grafenau:
Biotopverbund und Waldwirtschaft

Aus dem Studium von Primärwäldern und aus der Nutzung genommenen Wäldern kann die gesamte Bandbreite der „Handlungsmöglichkeiten“ der Natur und die daraus resultierende Biodiversität von Wäldern erkannt werden.

Für die nachhaltige Bewirtschaftung von Wäldern werden sinnvollerweise nur diejenigen Instrumente herangezogen, welche die mit der Nutzung des nachwachsenden Rohstoffes Holz verbundenen ökonomischen Interessen am besten gewährleisten. Wälder dienen jedoch nicht nur dem ökonomischen Interesse des jeweiligen Eigentümers, sondern erfüllen wegen ihrer vielfältigen Funktionen wichtige landeskulturelle Aufgaben im Sinne einer umfassenden Daseinsvorsorge. Dieser Aufgabenbereich der Waldwirtschaft kann nicht – oder nur in sehr bescheidenem Umfang – im Kielwasser einer ausschließlich auf Holzproduktion mit Gewinnoptimierung fixierten Forstwirtschaft erbracht werden.

Die im Rahmen der Sozialpflichtigkeit des Eigentums von jedermann bei der Waldbewirtschaftung billigerweise zu erfüllenden Mindestanforderungen müssen als Grundprinzipien ordnungsgemäßer Waldwirtschaft definiert werden. Die derzeit laufenden Diskussionen über Gute fachliche Praxis zeigen allerdings, wie schwierig dieser Prozess ist.

Weder dürfen die Kriterien der Guten fachlichen Praxis so hoch angesetzt werden, dass alle gesellschaftlichen Leistungen der Forstwirtschaft unentgeltlich erfüllt werden, noch dürfen sie das Niveau eines “alles ist erlaubt” erreichen, das z. B. jeden cbm Totholz zu einem zu bezahlenden Produkt macht.

Nicht bewirtschaftete Wälder haben originäre eigenständige Wirkungen. Werden sie bewirtschaftet, kommen Leistungen der Forstwirtschaft – manchmal auch Nachteile hinzu. Hier zeichnet sich eine mögliche Trennlinie für eine zu entgeltende und für im Rahmen Gute fachliche Praxis zu erfüllende naturschutzfachliche Aufgabe im Rahmen der Waldbewirtschaftung ab.

Eine daraus resultierende, differenzierte nachhaltige Bewirtschaftung ist ein zentraler Beitrag der Forstwirtschaft, um zu verhindern, dass die ausgewiesenen Natura 2000-Gebiete zu isolierten Inseln werden.


3. Christoph Heinrich, NABU-Bundesgeschäftsstelle, Bonn:
Forderungen an einen Biotopverbund in der Waldwirtschaft aus der Sicht eines Naturschutzverbands

Biotopverbund zwischen Wäldern

Wälder bedecken in Deutschland annähernd ein Drittel der Landfläche, im Mittelgebirgs- und Alpenraum sogar weit mehr. Allein aus dieser flächigen Verbreitung erwächst ihnen eine überragende Bedeutung für einen Biotopverbund in Deutschland. Für waldbewohnende Arten können Wälder im Rahmen der Funktionalität eines Biotopverbunds Kernflächen, Trittsteine und Verbundelemente zugleich sein:

  • Als (Kern-)Lebensraum für einen Großteil der originären autochthonen Artenvielfalt Mittel-europas, die im engeren und weiteren Sinne vorwiegend auf waldbestimmte Lebensraumtypen angewiesen ist. Vor allem großflächige naturnahe Wälder sollten daher wesentlicher Bestandteil eines Kernflächenkonzepts für einen Biotopverbund sein.
  • Als Korridor oder Trittstein für ortswechselnde Arten/Individuen, die Wälder als Lebensräume oder als temporäre Orte des Aufenthalts, der Nahrungssuche oder Deckung etc. nutzen: Ortswechsel großer Säugetiere, Überwinterungs- und saisonale Nahrungsräume für Vögel (insbes. Zugvögel).
  • Für wenig wanderfähige Arten (Waldbodenpflanzen, Totholzkäfer etc.) ist der Verbund von Wäldern mit geeigneten Lebensraumeigenschaften (Biotoptypen, Habitatstrukturen etc.) vielerorts unterbrochen, weil in waldarmen Naturräumen der Abstand zwischen Wäldern einen Austausch von Arten/Individuen nicht zulässt, die Dichte von geeigneten Lebensraumstrukturen innerhalb eines Waldes zu gering ist bzw. der Abstand zwischen mehreren Vorkommen einer benötigten Lebensraumstruktur zu groß ist oder durch naturferne Waldformen getrennt wird (Barrieren).

Forderungen:

  • Die Fläche naturnaher Wälder muss erhalten und vermehrt werden, u. a. durch Erhaltung von Wäldern durch rechtliche Sicherung und Bewahrung ihrer Integrität bei Planungen (siehe unten) sowie durch Erhöhung des Naturnähegrades durch naturnahe Bewirtschaftung.
  • In waldarmen Naturräumen (N-Deutschland, Flussebenen) sollte die Waldfläche deutlich vergrößert werden, vorrangig durch die Neuanlage von möglichst großen (naturnahen) Waldgebieten, gestützt durch ökologische Flurneuordnungen und staatliche Flächenankaufprogramme.
  • Die weitere Zerschneidung von Wäldern muss vermieden werden und an geeigneten Stellen sollten vorhandene Zerschneidungen durch geeignete Maßnahmen (u. a. Grünbrücken, Tunnel) aufgehoben werden („Entschneiden“).

Biotopverbund im Wald

Ein Biotopverbund muss auch innerhalb von Wäldern durch Erhaltung, Entwicklung oder Wiederherstellung von Beziehungsgefügen zwischen gleichartigen Lebensraumstrukturen (z. B. Totholz) gewährleistet sein. Die Bewirtschaftung des Waldes sollte daher so naturnah erfolgen, dass der Wald für die Arten natürlicher und naturnaher Waldökosysteme auf möglichst ganzer Fläche bewohnbar und/oder mindestens passierbar sein sollte. Die Merkmale eines naturnahen Waldes sollten flächendeckend und stetig oder zumindest in stetiger hoher Dichte und Verbreitung vorhanden sein: standortheimische Baumarten, Altbäume, Totholz, Sonderstrukturen, räumlich-strukturelle Muster des Naturwaldes.

Forderungen:

  • Umsetzung naturnaher Waldwirtschaft auf ganzer Fläche, rechtliche Verankerung in WaldG, LNatG.
  • Integration von Naturschutzmaßnahmen in den Wirtschaftswald (gesetzlich verankert, freiwillige Maßnahmen).
  • Rechtliche Sicherung von großflächigen Naturwäldern (über 100 ha) in ausreichender Zahl (5 %), um strukturelle Defizite des Wirtschaftswaldes an einer Vielzahl von Orten ausgleichen zu können.
  • Erhaltung und Entwicklung/Renaturierung von Waldsonderstandorten und gefährdeten Waldgesellschaften, wo immer möglich räumlichen Verbund herstellen.


4. Forstdirektor a. D. Dr. Winfried Duffner, Wolfegg:
Möglichkeiten für den Aufbau eines Biotopverbunds im Privatwald

Der Referent spricht zwar aus der Sicht des Privatwaldes, insofern als hier eine konsequent ökonomisch orientierte Forstwirtschaft betrieben wird, seine Ausführungen dürften aber generell für ökonomisch geführten Waldbesitz gelten, zumal Staat und Kommunen künftig wahrscheinlich auch an ihre Wälder konsequent ökonomische Anforderungen stellen.

Bei Ökonomie ist nicht ausschließlich an kurzfristige pekuniäre Ziele zu denken, vielmehr an Methoden, um Ziele – wie immer sie definiert werden – nach ökonomischen Prinzipien zu erreichen: mit minimalem Aufwand und optimaler Allokation begrenzter Ressourcen. Ziele können im landläufigen Sinne materiell oder immateriell sein. Die „immateriellen“ Ziele werden durch ihre Relevanz für das Wohlbefinden und die Gesundheit der Menschen sehr wohl „materiell“. Bei diesem Ökonomieverständnis löst sich der Scheinkonflikt von Ökonomie und Ökologie auf: Naturschutzziele, darunter auch die Biotoppflege werden zu Problemen, die mit dem Instrumentarium der Ökonomie zu lösen sind.

Am Anfang ökonomischer Problemlösungen stehen Ziele – besser Zielsysteme oder Zielhierarchien. Die einzelnen Ziele im Rahmen des weiten Feldes von Natur- und Umweltschutz sind keineswegs alle kompatibel, sondern vielfach konkurrierend, zum Teil sich gegenseitig ausschließend. Das bedeutet, Ziele müssen nach ihrer Relevanz gewichtet und eventuell mit Abstrichen, was den Zielerfüllungsgrad anbelangt, kompatibel in das Zielsystem integriert werden. Abstriche vom Optimum für die Einzelziele verursachen Opportunitätskosten, d. h. Verzicht auf den optimalen Nutzen des Einzelziels. Das Problem, dass wir hier keine einheitliche Währung haben, sondern Nutzen und Nutzenentgang individuell unterschiedlich bewerten, darf nicht dazu verleiten, diese Nutzenüberlegungen gar nicht anzustellen.

Ein solches Zielsystem für die Ziele des Naturschutzes vermisst man bis heute. Entweder wurde diese Hausaufgabe nicht gemacht oder nicht kommuniziert.

Der Naturschutz kämpft mit Akzeptanzproblemen. Bei der Tagung des DRL im vergangenen Jahr haben sich BROGGI und OTT eingehend mit Ursachen dafür befasst. Deren Analysen kann man weitgehend zustimmen. Bei Privatwaldbesitzern und der Ökonomie verpflichteten Forstkollegen kann man folgende spezifische Akzeptanzprobleme ausmachen, die es zu überwinden gilt, wenn man im Privatwald mit dem Biotopschutz Erfolg haben will:
Die Opposition gilt nicht in erster Linie den Zielen des Naturschutzes, vielmehr den Methoden, der Konzentration auf ordnungsrechtliche Maßnahmen, Naturschutz ohne die Einbindung der Grundeigentümer durch Verbote und Gebote durchzusetzen. Die Unbestimmtheit der meisten Gesetze und Verordnungen, selbst wenn sie sich harmlos anhören und vielleicht auch harmlos gemeint sind, bieten Spielraum für Interpretationen durch Verwaltungsjuristen, Verwaltungsgerichte und deren teilweise ideologisierten Gutachtern. Deswegen empfiehlt sich Widerstand schon bei der Biotopkartierung und der FFH-Gebietsausweisung, weil man deren Konsequenzen nicht abschätzen kann. Auch der Referent, Hobbybotaniker, Oberdorferschüler, Naturschutzreferent im Deutschen Alpenverein und Mitglied der Regensburger Botanischen Gesellschaft, hat sich deswegen in 40 Berufsjahren stets in zwiespältigem Verhältnis zum Naturschutz befunden.

Wenn sich der Naturschutz als Repräsentant des Obrigkeitsstaates darstellt, braucht er sich über mangelnde Akzeptanz nicht zu wundern. Endgültig vergrault wird man durch die Begleitmusik mancher Naturschutzverbände, z. B. der Waldrangliste des WWF für Europa, wo Deutschland bei den Anstrengungen zum Schutz der Wälder den 14. Platz von 15 Ländern einnimmt und auch in der Gesamtbewertung der Waldpolitik mit Rang 9 in der unteren Hälfte liegt. Einstufungskriterium ist ausschließlich die gesetzliche Regelungsdichte, nicht etwa das Erscheinungsbild der Wälder und die freiwilligen Anstrengungen, ökologischen Kriterien bei der Waldbewirtschaftung Rechnung zu tragen. Von Greenpeace gar nicht zu reden, die erklärterweise die Wahrheit nach der medialen Wirksamkeit ihrer Botschaften beurteilen und jüngst mit ihrem Einkaufsführer für Holz der Nachhaltigkeit und dem Umweltschutz einen Bärendienst erwiesen haben.

Die Verfechter negativ konditionierter regulativer Instrumente des Naturschutzes unterliegen zwei Irrtümern: Sie überschätzen die Effizienz dieser Instrumente und sie unterschätzen deren gesamtwirtschaftliche Kosten.

Ein zweiter Grund für Akzeptanzdefizite des Waldbesitzes gegenüber dem Naturschutz liegt in der mangelnden Schlüssigkeit in dessen Zielen. Die Widersprüchlichkeit von Einzelzielen wird nicht thematisiert. Die Relevanz der Einzelziele wird nicht bewertet und gegeneinander abgewogen, Opportunitätskosten naturschutzrechtlicher Beschränkungen werden nicht kalkuliert und zu dem beabsichtigten ökologischen Nutzen in Beziehung gesetzt. Dazu einige Beispiele: Artenvielfalt wird nicht durch Naturnähe (Hemerobie) und Prozessschutz erzielt. Die meisten Biotope sind Sekundärbiotope, oft entstanden durch eine Wirtschaftsweise, die keinesfalls der guten naturschutzfachlichen Praxis nach heutigem Verständnis entsprochen hat. Ornithologen, Mykologen, Insektenkundler und Botaniker haben sehr unterschiedliche Vorstellungen über den optimalen Waldaufbau. Das Ziel, den nachwachsenden Rohstoff Holz nachfragegerecht und wettbewerbsfähig zu erzeugen, wird durch viele gut gemeinte, aber in ihrer Wirkung nicht ausreichend durchdachte, naturschutzrechtliche Restriktionen erschwert, wodurch ökologisch bedenkliche Holzsubstitute aus endlichen Ressourcen gefördert werden, was dem Klimaschutzziel zuwider läuft.

Der Referent wird durch konkrete Fallbeispiele darlegen, dass die Anwendung ökonomischer Zieltheorie auf Zielsysteme des Naturschutzes viele Konflikte von Ökologie und Ökonomie als Scheinkonflikte entlarven kann, und dort, wo Konflikte bleiben, innovative Betriebstechniken diese entschärfen können, um hohe Naturschutzeffizienz mit minimierten Opportunitätskosten zu erzielen.

Wie können ökonomisch ausgerichtete Forstleute und Waldbesitzer für die Kooperation mit dem Naturschutz gewonnen werden? Hier ist zu unterscheiden zwischen der Berücksichtigung naturschutzfachlicher Kriterien, denen im Rahmen multifunktionaler Forstwirtschaft in allen Wäldern Rechnung zu tragen ist und Vorranggebieten, in denen spezifische Naturschutzziele verfolgt werden und wo spürbare Restriktionen für eine erwerbswirtschaftliche Forstwirtschaft unvermeidlich sind; hierunter fällt wohl die Mehrzahl der zu erhaltenden Biotope.

Für die Vorranggebiete, die sorgfältig und nicht zu exzessiv ausgewählt werden sollten, ist – trotz prinzipieller Favorisierung multifunktionaler Forstwirtschaft – eine Segregation der Waldfunktionen in den meisten Fällen unvermeidlich. Hier sollten in engem Kontakt mit dem Eigentümer naturschutzfachliche Ziele und darauf abgestellte spezifische Bewirtschaftungskonzepte definiert und vertraglich vereinbart werden. Nur am konkreten Fall können Ziele und entgeltpflichtige Beschränkungen klar und einvernehmlich formuliert und die daraus resultierenden Opportunitätskosten kalkuliert werden. Diese Verträge sollten zeitlich befristet und einem laufenden Controlling mit Revisionsmöglichkeit unterworfen werden. Die Vorteile dieser Art von situationsbedingtem Vertragsnaturschutz liegen auf der Hand: klare Fokussierung auf das oder die Schutzziele, Klarheit auch für den Waldeigentümer, dessen Kooperation statt Obstruktion, gezielter und sparsamer Einsatz begrenzter öffentlicher Mittel. Oft handelt es sich bei diesen Biotopen um Lagen, die auch aus ökonomischen Gründen nur extensiv bewirtschaftet werden, so dass sich entgangener Nutzen in bescheidenem Rahmen bewegt und situative Opportunitätskosten weit unter modellhaft kalkulierten zu liegen kommen. Um situationsbedingte Nutzungsbeschränkungen zu definieren, kann auf die Verwendung unbestimmter interpretationsbedürftiger Tatsachen- und Rechtsbegriffe verzichtet werden, die bei generellen oder großräumigen Bewirtschaftungsbeschränkungen unvermeidlich sind. Dadurch vermeidet man Fundamentalopposition durch die Betroffenen und deren Verbände und bietet weniger Ansätze für rechtliche Auseinandersetzungen.

Wo die gewünschten Bewirtschaftungsbeschränkungen ein bestimmtes Maß überschreiten, kommt der Ankauf durch die öffentliche Hand in Betracht.

Für die Berücksichtigung naturschutzfachlicher Kriterien im Rahmen einer flächendeckenden multifunktionalen Forstwirtschaft, die sich aus der Sozialpflichtigkeit des Eigentums begründen lassen, ist vor allzu normativer Kodifizierung der so genannten Guten fachlichen Praxis zu warnen. Das Unterfangen von WINKEL & VOLZ, die „Gute fachliche Praxis in der deutschen Forstwirtschaft“ in 17 Kriterien zu fassen, hat im Arbeitsbericht von THOROE et al. eine angemessene Kommentierung erfahren, der sich der Referent voll inhaltlich anschließt.

Es gibt heute Tendenzen, neben wissenschaftlich begründbaren und konsistenten Forderungen auch derzeit gängige, aber eben zeitgebundene Vorstellungen von Waldbau und forstlicher Betriebstechnik zu verabsolutieren und festzuschreiben, ohne die Komplexität ökologischer und ökonomischer Zusammenhänge und deren Wechselwirkung gründlich zu studieren. Von Selbstzweifeln wenig geplagt, folgert man von hoher moralischer Warte: Wer das Gute nur wolle, wisse auch, wie es zu bewerkstelligen sei. Dabei wird man der Vielfalt der Standorte, der waldbaulichen Situationen individueller Betriebssysteme, der Entwicklung von Betriebstechnik und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nicht gerecht. Kann es überhaupt einen objektiv „richtigen“ und damit verbindlichen Bewertungsmaßstab für ökologische und ökonomische Qualität und deren Zusammenwirken geben? Ist Biodiversität nicht mit einer Vielfalt von Bewirtschaftungsmethoden durch eine Vielzahl von Eigentümern am besten zu sichern? Gibt es nicht auch in der Ökologie den von F. A. von HAYEK diagnostizierten konstitutiven Wissensmangel, der zwangsläufig Prozesse evolutionärer Selektion verlangt? Besteht nicht die Gefahr, dass staatlicher Naturschutzdirigismus in dieselbe Sackgasse fährt, in die der staatliche Wirtschaftsdirigismus gefahren ist?


5. Georg Winkel, Institut für Forst- und Umweltpolitik, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg:
Gute fachliche Praxis in der Forstwirtschaft als Fundament einer waldbezogenen Naturschutzpolitik

In der aktuellen forst- und naturschutzpolitischen Debatte kommt der Diskussion um eine mögliche Konkretisierung der Guten fachlichen Praxis in der Forstwirtschaft hohe Aufmerksamkeit zu. Diese Diskussion wird dabei weniger im Hinblick auf die jüngste Novelle des Bundesnaturschutzgesetzes als auf die erklärte Absicht der Bundesregierung geführt, das Bundeswaldgesetz zu novellieren. Im Kreuzfeuer der kontroversen umweltpolitischen Debatte stehen dabei auch die Vorschläge des Instituts für Forst- und Umweltpolitik.

Die Vorschläge des Instituts für Forst- und Umweltpolitik

Im Auftrag des Bundesamtes für Naturschutz bearbeitet das Institut für Forst- und Umweltpolitik derzeit aus Mitteln des Umweltforschungsplans der Bundesregierung das Forschungs- und Entwicklungsvorhaben „Gute fachliche Praxis in der Forstwirtschaft“. Im Rahmen dieses Forschungsprojekts wurde ein Fachgutachten mit Vorschlägen für eine Konkretisierung der Guten fachlichen Praxis vorgelegt, welches mittlerweile unter dem Titel „Naturschutz und Forstwirtschaft. Kriterienkatalog zur Guten fachlichen Praxis“ veröffentlicht worden ist (Winkel & Volz 2003).

Ziel des Gutachterauftrags war eine Konkretisierung der Guten fachlichen Praxis in der Forstwirtschaft anhand von Kriterien, um darauf aufbauend – neben der Herleitung von Forschungs- und Handlungsdefiziten – ggf. den aus Naturschutzsicht notwendigen Bedarf zur Weiterentwicklung betroffener Rechtsbereiche zu zeigen. Hauptergebnis des Gutachtens ist ein Katalog mit 17 Kriterien. Es handelt sich hierbei jedoch keinesfalls um ein festes Kompendium, sondern um einen wissenschaftlich begründeten Konkretisierungsvorschlag. Hieraus resultiert, dass aufbauend auf der wissenschaftlichen Grundlage ein gesellschaftlich-politischer Aushandlungsprozess unverzichtbar ist.

Die Gute fachliche Praxis als Instrument der waldbezogenen Naturschutzpolitik

Eine gesetzliche Verankerung der konkretisierten Guten fachlichen Praxis als naturschutzfachlicher Mindeststandard der Waldbewirtschaftung erscheint sinnvoll. Nur durch eine solche Manifestation kann hohe Transparenz und Allgemeinverbindlichkeit erreicht werden. Um in diesem Fall Doppelregelungen im Hinblick auf die teilweise auf Landesebene bestehenden naturschutzfachlich motivierten Regelungen der Ordnungsgemäßen Forstwirtschaft zu vermeiden, sollte eine solche Festschreibung in den Waldgesetzen und nicht im Naturschutzrecht vorgenommen werden. Eine Einführung des Begriffs der Guten fachlichen Praxis (als naturschutzfachlicher Bewirtschaftungsstandard) unter dem Dach der Ordnungsgemäßen Forstwirtschaft (als umfassender Bewirtschaftungsstandard) wäre daher empfehlenswert. Generell sollte beachtet werden, dass die Vorgabe von naturschutzfachlichen Mindeststandards nicht zwingend eine „harte“ ordnungsrechtliche Umsetzung der Standards beinhaltet. Eine solche Umsetzung ist nur dann möglich, wenn Kriterien der Guten fachlichen Praxis ausreichend operational formuliert werden können, was keinesfalls immer (zweckmäßig) der Fall ist. In anderen Fällen können Mindeststandards auch als gesetzliche Zielformulierungen Sinn machen, die dann im Kontext der Guten fachlichen Praxis ein Hinwirken des Waldbesitzers auf solche Zielsetzungen erfordern.

Die gesetzlich konkretisierte Gute fachliche Praxis in der Forstwirtschaft kann als wichtiges Instrument der integrativen Naturschutzpolitik im Wald verstanden werden, also einer Naturschutzpolitik, die bemüht ist, naturschutzfachliche Zielsetzungen flächendeckend eingebunden in die forstliche Nutzung des Waldes zu verwirklichen. Mit diesem flächigen (quantitativen) Anspruch geht – zwangsläufig – ein nur verhaltener qualitativer Anspruch einher. Das naturschutzfachliche Anforderungsniveau der gesetzlichen Konkretisierung sollte demnach in Abwägung mit ökonomischen und sozialen Aspekten der Waldbewirtschaftung eher moderat sein. Als rechtliches Instrument bringt die Gute fachliche Praxis wichtige Vorteile (Regelungssicherheit, Transparenz) mit sich, denen andererseits gewichtige Nachteile entgegenstehen (Handlungsverantwortung und die sich daraus möglicherweise ergebenden Belastungen werden den Gesetzesadressaten übertragen; es wird kein Verbesserungsanreiz über das vorgeschlagene Niveau gegeben). Aus diesem Grund ist es notwendig, die gesetzlich konkretisierte Gute fachliche Praxis mit anreizgebenden Instrumenten der Forst- bzw. Naturschutzpolitik zu kombinieren. Zu nennen sind hier beispielsweise die Implementation ökologischer Honorierungssysteme, die Fortführung und ggf. qualitative sowie quantitative Verbesserung einer auf naturnahe Waldbewirtschaftung ausgerichteten Förderung oder aber auch – als nichtstaatliche Lenkungsmechanismen – forstliche Zertifizierungssysteme. Leitbild eines solchen Instrumentariums sollte eine gerechte Lastenteilung zwischen Gesellschaft und Forstbetrieben sein.

Die Konkretisierung der Guten fachlichen Praxis in der Forstwirtschaft muss also als Fundament der Naturschutzpolitik im Wald betrachtet werden. Die Umsetzung naturschutzfachlicher Zielsetzungen in Wald- und Forstwirtschaft kann sich auf dieses Fundament stützen. Aufbauend auf diesem Fundament müssen jedoch andere Instrumente der Waldnaturschutzpolitik zum Einsatz gebracht werden, sollen ambitionierte naturschutzfachliche Zielsetzungen in Wald und Forstwirtschaft verwirklicht werden.

In Bezug auf segregative Instrumente der Naturschutzpolitik im Wald (Schutzgebiete) kann die Konkretisierung der Guten fachlichen Praxis Hinweise dafür geben, für welche forstlichen Leistungen bzw. Beschränkungen Waldbesitzer im Sinne einer gerechten Lastenteilung honoriert werden sollten (z. B. über das Instrument des Vertragsnaturschutzes) und welche ihnen andererseits im Rahmen der Sozialpflichtigkeit des Waldeigentums abverlangt werden können. Einer so verstandenen Guten fachlichen Praxis kann auf diesem Weg auch eine gewisse Schutzfunktion für den Waldeigentümer zukommen.

Ausblick

Im Rahmen des Forschungs- und Entwicklungsvorhabens zur Guten fachlichen Praxis in der Forstwirtschaft hat das Institut für Forst- und Umweltpolitik im September 2003 einen Workshop mit Akteuren aus der nationalen Forst- und Naturschutzpolitik durchgeführt. Ziel des Workshops war eine intensive Diskussion der Vorschläge zur Konkretisierung der Guten fachlichen Praxis bezogen auf Chancen und Risiken bzw. Probleme, die sich aus Sicht der politischen Akteure ergeben können. Der hier begonnene Diskussionsprozess soll in Form eines weiteren Akteursworkshops fortgesetzt werden.

Unabhängig davon ist der intensive politische Diskussionsprozess zur Guten fachlichen Praxis in der Forstwirtschaft zu sehen. Es bleibt abzuwarten, inwieweit die politische und wissenschaftliche Diskussion im Ergebnis die Schaffung eines – im beschriebenen Sinne – Fundaments für die waldbezogene Naturschutzpolitik zur Folge haben wird. Von großer Bedeutung sind in jedem Fall die im Rahmen dieser Diskussion aufgeworfenen grundsätzlichen Fragen zur Zielrichtung, Ausgestaltung und Notwendigkeit forst- und naturschutzpolitischer Steuerung, die unabhängig vom Ergebnis die dringende Notwendigkeit einer offenen und transparenten Auseinandersetzung mit den konfligierenden Ansprüchen an die heimischen Waldflächen vor Augen führen.

Das Institut für Forst- und Umweltpolitik der Universität Freiburg wird diese Diskussionsprozesse weiterhin mit großem Forschungsinteresse verfolgen, analysieren und zur Grundlage seiner Politikberatung machen.


6. Dr. Monika Wulf, Leibniz-Zentrum für Agrarlandschafts- und Landnutzungsforschung (ZALF) e.V., Müncheberg:
Beitrag historisch alter Wälder für den Aufbau eines Biotopverbunds

Der Vortrag gliedert sich in drei Abschnitte; 1) Definition von historisch alten Wäldern und Darstellung ihrer besonderen Qualitäten in Bezug auf Flora, Fauna und Bodenverhältnisse im Vergleich zu neuzeitlichen Wäldern. Es soll vor allem herausgehoben werden, dass es sich um „hot spots of biodiversity“ handelt, d. h. Flächen, die in naturnaher Ausprägung eine hohe Biodiversität erreichen können. Sie werden in verschiedenen europäischen Ländern deshalb u. a. auch als „Schlüsselbiotope“ (bzw. „key habitats“) bezeichnet und unterliegen besonderen Schutzbestimmungen.

Im Abschnitt 2) wird dargelegt wie und wo historisch alte Wälder zu finden sind. Dazu wird auf bereits vorliegende, nutzbare Karten aufmerksam gemacht, wobei das Schwergewicht auf regionalen Karten liegt, da diese für Planungszwecke besonders interessant sind. Außerdem wird kurz auf verschiedene Themenkarten sowie Informationen, die verwertbar sind, z. B. historische Karten, Luftbilder, Bodeninformationssysteme, und den Datenspeicher Wald eingegangen.

Im letzten Abschnitt 3) wird dargelegt, dass hinsichtlich des Beitrages historisch alter Wälder zum Biotopverbund zumindest aus wissenschaftlicher Sicht keine Probleme bei der Frage nach dem „wie“ auftreten. Die Schwierigkeiten betreffen vor allem das „wo“, weil der Wunsch nach Waldmehrung sehr oft zu Konflikten mit den bisherigen Nutzern führt. Zur Entschärfung möglicher Konflikte wird im Vortrag deshalb eine Prioritätenliste von historisch alten Landschaftselementen vorgeschlagen, die sich für einen Biotopverbund eignen. Zu diesen historisch alten Landschaftselementen gehören nicht nur größere, historisch alte Waldflächen, sondern auch Klein- und Kleinstgehölze sowie Hecken und „Bauminseln“, die aus historisch alten Wäldern hervorgegangen sind. Hierzu werden einige wichtige Qualitätsmerkmale der Landschaftselemente (Flächengröße, Form bzw. Längen-/Breitenverhältnis und Entstehungsgeschichte) dargestellt, die für einen effizienten Biotopverbund, und zwar aus der Sicht der Erhaltung und Mehrung von Biodiversität, ausschlaggebend sind.


7. Olaf Schmidt, Präsident der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft, Mitglied des DRL, Freising, unter Mitarbeit von Forstrat Alexander Schnell und Forstrat Jörg Müller (beide LWF):
Waldschutzgebiete in Deutschland – was leisten Naturwaldreservate für den Biotopverbund im Wald?

Einführend wird auf Grundlage des Hefts Nr. 73/2002 des Deutschen Rates für Landespflege zum Gebietschutz in Deutschland ein Überblick über die vorhandenen Schutzgebietssysteme gegeben. Obwohl die Umsetzung in der Praxis gewisse Defizite zeigt, ist und bleibt der Gebietsschutz das Rückgrat des Naturschutzes in Deutschland. Im Hinblick auf den Gedanken des Biotopverbunds gewinnt v. a. das europäische Naturschutzinstrument der EU von 1992, die FFH-Richtlinie, große Bedeutung. Hier werden die Mitgliedstaaten verpflichtet, ein „Kohärentes ökologisches Netz von Schutzgebieten“ aufzubauen. Für den Biotopverbund im Wald sind von besonderer Bedeutung die Naturwaldreservate (siehe Landeswaldgesetze). Mit der Ausweisung von Naturwaldreservaten (Synonym Naturwaldzellen, Bannwälder, Waldtotalreservate, Schonwälder) werden gerade die Ziele, in bestimmten Flächen bewusst erstrebenswerte Abläufe oder natürliche Prozesse ohne menschliche Eingriffe zuzulassen, sehr gut erfüllt. Damit werden auch Zustände oder Entwicklungen, die aus Naturschutzsicht vorrangig erstrebenswert sind, wie alte, reife Waldzustandsphasen mit Zerfallsphasen, gefördert. Außerdem werden durch den Verzicht auf forstliche Nutzung Belastungen oder Veränderungen in den Waldökosystemen, die Schutzfunktionen beeinträchtigen könnten, vermieden. Insofern können die Naturwaldreservate in Deutschland einen wichtigen Beitrag zum Biotopverbund im Wald leisten. Mit Stand 1998 waren in Deutschland 678 Naturwaldreservate mit einer durchschnittlichen Flächengröße von 36,7 ha und einer Gesamtfläche von 24.882 ha ausgewiesen. Dies entspricht einem Anteil von 0,24 % an der bundesdeutschen Waldfläche.

Dabei ist zu bedenken, dass oftmals solche Naturwaldreservate als Mosaik- und Trittsteine in größeren Waldgebieten aufzufassen sind. Aus diesen Spenderflächen können bedrohte waldtypische Tier- und Pflanzenarten die umgebenden Waldflächen bei entsprechender naturnaher Bewirtschaftung wieder besiedeln. Durch die Auswahl besonders naturnaher, reifer Waldstadien dienen auch die Naturwaldreservate der Biotoptradition und der Sicherung und der Erhaltung naturnaher Lebensräume. Dies ist besonders für ausbreitungsschwache Arten, z. B. Schnecken und immobile Urwaldreliktkäferarten, von Bedeutung. Am Beispiel konkreter Untersuchungsergebnisse aus bayerischen Naturwaldreservaten werden drei wichtige waldbewohnende Organismengruppen behandelt:

Das Naturwaldreservat „Waldhaus“ im Steigerwald ist die pilzartenreichste bekannte Fläche in Bayern mit 382 nachgewiesenen Großpilzarten. Am Vergleich von Fallenfängen von Käferarten wird die Bedeutung des toten Holzes für xylobionte Käfer dargestellt.

Am Naturwaldreservat „Eichhall“ im Heisterblock des Spessarts wird die Bedeutung der sonnendurchfluteten Eichenkronen und des dort befindlichen Totholzes in uralten Eichen für viele Arten vorgestellt. Der „Heisterblock“ ist das zweitartenreichste Gebiet an Holzkäferarten in Bayern (316 Arten). Der „Eichhall“ besitzt die höchste Brutdichte an Mittelspechten und Halsbandschnäppern sowie die letzte Baumhöhlenbrüterkolonie der Mauersegler in Bayern.

Am Beispiel der Naturwaldreservate Oberfrankens wird die Vielfalt an Schneckenarten in Buchenwäldern in Abhängigkeit von Basenangebot, Totholz und Laubwaldtradition vorgestellt.

Ziel ist es, aus der Beobachtung von Naturwaldreservaten naturnahe Strategien für den Waldbau und den Naturschutz im Wirtschaftswald abzuleiten. Es besteht die Hoffnung, dass die Ergebnisse aus der Naturwaldreservatsforschung durch Aus- und Fortbildung weiter in die Praxis einfließen und so in die forstliche Tätigkeit im Wirtschaftswald übernommen werden. Damit hätten die Naturwaldreservate als Spenderflächen für waldökologische Informationen und als Lehrbeispiele den Gedanken des Biotopverbunds und der Vernetzung erfüllt.


8. Dr. Bertram Leder, Landesanstalt für Ökologie, Bodenordnung und Forsten NRW, Arnsberg:
Junge Wälder und ihr Beitrag für einen Biotopverbund

Junger Wald ist nur ein zeitlich befristetes Entwicklungsstadium. Die Bedeutung neu begründeter Wälder für die Waldlebensgemeinschaften bleibt im Vergleich zu alten Waldgebieten auch nach jahrzehntelanger Entwicklungszeit zurück. Je nachdem, welche Zielvorstellungen und Arten man gerade im Blick hat, kann junger Wald jedoch schon relativ rasch verschiedenste Funktionen im Sinne eines positiven Beitrags zum Biotopverbund erfüllen: Er kann z. B. zur Entwicklung und zum Ausbau eines Laubbaumarten-Verbunds in durch Nadelbaumarten (insbesondere Fichte) geprägten Waldgebieten dienen. Auch als Wanderkorridor, Verbindungsfläche, Trittstein, Rückzugsareal, Brut- oder Nahrungshabitat erfüllt er schon wenige Jahre nach Begründung bestimmte Funktionen. Entscheidend ist der räumliche und funktionale Zusammenhang mit anderen Waldflächen, die Flächengröße (Mindestareal), seine Lage im Raum und die Unzerschnittenheit.

„Junge Wälder“ entstehen durch unterschiedlichste Art und Weise. Vorwiegend entstehen sie auf Erst- bzw. Neuaufforstungsflächen. Der „Vorschlag für ein raum- und baumartenbezogenes Konzept zur Erstaufforstung bisher landwirtschaftlich genutzter Anbauflächen in Nordrhein-Westfalen“ beinhaltet Leitbilder und Leitziele für eine Waldvermehrung. Die Erhöhung des Laubwaldanteils sowie die Verbesserung der Waldstruktur durch standortgerechte Baumarten ist vorrangiges Ziel und wesentlicher Beitrag zum Biotopverbund. Entwicklungsziele und Suchräume für eine Waldvermehrung in den einzelnen Wuchsgebieten berücksichtigen die seltenen oder in ihrem Bestand bedrohten Waldgesellschaften wie naturnahe Eichenwälder, Auwälder, wärmeliebende Laubwälder und Buchenwälder. Gleichzeitig wird dem Aufbau und der Entwicklung von Waldrändern zur Vernetzung von Wäldern und Feldgehölzen und Verstärkung von Randlinieneffekten besondere Aufmerksamkeit geschenkt.

Ziel der naturnahen Waldwirtschaft ist die Schaffung, Erhaltung und Bewirtschaftung standort- und funktionsgerechter und damit leistungsstarker Wälder. Diese Wälder sind gekennzeichnet durch hohen Strukturreichtum und dienen einer Vielzahl heimischer Tier- und Pflanzenarten als Lebensraum. Die Förderung kleinflächiger Strukturen, die Erziehung zur Stabilität durch mosaikartige Verteilung unterschiedlicher Entwicklungsstufen und differenzierten Bestandsaufbau sowie die Ausnutzung der biologischen Automation von Wachstumsabläufen führt zur Anwendung spezieller Waldbau-Techniken zur Verjüngung, aber auch zur Erziehung und Nutzung der Wälder. Naturnahe Waldwirtschaft liefert somit einen wesentlichen Beitrag zum Biotopverbund.

Durch Naturverjüngungsverfahren werden Lebensräume und -gemeinschaften der Pflanzen und Tiere nur allmählich verändert. Sie werden daher im Rahmen einer naturnahen Waldwirtschaft vorgezogen.

Wenn auch im Sinne der Förderung der biologischen Automation die Naturverjüngung bei standortgemäßer Bestockung unter einem Kronendach möglichst weitgehend genutzt werden soll, wird es aus den unterschiedlichsten Gründen immer wieder notwendig sein, jungen Wald durch Pflanzung und/oder Saat zu begründen. Dabei kann je nach Vorgehensweise der junge Wald durch aktive Pflanzung oder passiv auf dem Wege der natürlichen Wiederbewaldung entstehen. Durch die Wahl entsprechender Baumarten, Pflanzverbände etc., das Tolerieren von kleineren Lücken, Einbeziehung sukzessionaler Begleitbaumarten sowie der Waldrandgestaltung (Waldinnen- und außenränder) werden besondere, teilweise zeitlich beschränkte Lebensräume für Flora und Fauna geschaffen.

Durch den Umbau von instabilen Nadelholz-Reinbeständen in laubbaumreiche Dauerwälder mit einer stärkeren Beteiligung von Baumarten der potenziellen natürlichen Vegetation entstehen junge Wälder mit besonderer Bedeutung für einen Laubholz-Verbund.

Die (sukzessive) Zurücknahme nicht standortgerechter Fichten an Bachläufen im Wald wird zur Entwicklung eines Laubholz-Verbunds genutzt. Oft genügen hier extensive und lenkende Maßnahmen zur Förderung standortgerechter Laubbaumarten.

Durch Zulassen der natürlichen Wiederbewaldung durch zunächst Pionierbaumarten, sukzessionale Begleitbaumarten oder Weichlaubhölzer über Verbuschung und Vorwaldstadien auf Brachflächen, auf Sturmwurfflächen, auf Wiederaufforstungsflächen oder auf Restflächen der Industrielandschaft (Post-Industriewald) entstehen junge Wälder, die als Mosaikstein in einem bestehenden Verbund oder/und mit ihren besonderen Waldstrukturen Verbundelemente für eine räumliche und funktionelle Vernetzung darstellen. Die aus natürlicher Wiederbewaldung entstehenden neuen Wälder gerade im urbanen oder industriellen Umfeld (Ruhrgebiet) stellen ein erhebliches Potenzial für Flora und Fauna dar.

Durch die Anlage/Pflege von Wallhecken, die Wald im Sinne des Forstgesetzes NRW sind, werden u. a. besondere Lebens- und Nahrungsräume bereitgestellt. Die Erhaltung und Neuanlage von Wallhecken ist für den räumlichen Verbund (Korridor) zwischen Wäldern, Feldgehölzen und Gewässern in stark beanspruchten Landschaften von außerordentlicher ökologischer Bedeutung.


9. Herbert-Michael Staeber, Gewässerdirektion Südl. Oberrhein/Hochrhein, Lahr:
Vernetzung von gewässerbegleitenden Waldtypen

Vorstellung charakteristischer Waldtypen am Oberrhein:

  • naturnahe Biotoptypen (Weichholzauenwald, Hartholzauenwald) und veränderte Biotoptypen (buntlaubholzreiche Bestände)
  • Artenzusammensetzung, Struktur, Überflutungstoleranzen.

Darstellung der Situation an einem ausgewählten Bereich:

  • Deichbau führte zur räumlichen Trennung hochwertiger, heute noch zeitweise überfluteter Bereiche.

Vorstellung von überregionalen Planungen in diesem Raum:

  • Integriertes Rheinprogramm (IRP)
  • Biotopverbund der Internationalen Kommission zum Schutz des Rheins (IKSR) (Definition Biotopverbund IKSR in Anlehnung an Deutscher Rat für Landespflege).

Im Rahmen des IRP soll der 200-jährliche Hochwasserschutz mit Hilfe von Rückhalteräumen wiederhergestellt werden. Die Rückhaltung erfolgt ca. alle zehn Jahre für i. d. R. zehn Tage.

Eine kurze Flutung in solch großen Zeitabständen führt weder zur Wiederentwicklung auenähnlicher Waldbestände noch zu einer großräumigen Vernetzung. Die vorhandenen Biotope würden erheblich und nachhaltig beeinträchtigt und damit wäre das IRP nicht umweltverträglich.

Zur Erreichung der Umweltverträglichkeit werden ökologische Flutungen durchgeführt. Dies sind Durchflutungen der Räume in Abhängigkeit vom Rheinabfluss.

Die ökologischen Flutungen fördern die Entwicklung auenähnlicher Biotope. In den Wäldern wird dies, wo erforderlich, durch einen Umbau auf hochwassertolerante, typische Auenarten unterstützt. Die Vernetzung erfolgt durch die Kette der IRP-Rückhalteräume mit den dazwischen liegenden, schon heute zeitweise überfluteten Bereichen in den Schlingen der Rheinkraftwerke.


10. Dr. Rudi Suchant & Veronika Braunisch, Forstliche Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg, Freiburg:
Wälder als Kernflächen eines Biotopverbunds für Wildtiere – das Auerhuhn als Indikator

Wildtiere nutzen große Räume. Manche an den Wald gebundene Tierpopulationen benötigen Hunderte von Quadratkilometern an Waldflächen mit spezifischen Habitatstrukturen als Lebensraum. In Zentraleuropa sind die Waldflächen jedoch auf etwa ein Drittel der Landesfläche reduziert, teilweise extrem fragmentiert und je nach Bewirtschaftung mehr oder weniger strukturiert. Als Lebensraum können diese Wälder nur von den Tierarten genutzt werden, die sich einerseits den gegebenen Landschaftsstrukturen anpassen konnten und für die andererseits innerhalb der Wälder geeignete Habitatstrukturen vorhanden sind. Doch die Anpassungsmöglichkeiten an die anthropogenen Veränderungen von Landschafts- und Habitatstrukturen sind begrenzt. Wo diese Grenzen liegen und welche Möglichkeiten es gibt, diese Grenzen im Hinblick auf Lebensraumqualität und Lebensraumverbund zu berücksichtigen bzw. nicht zu überschreiten, soll am Beispiel des Auerhuhns gezeigt werden. Das Auerhuhn soll dabei nicht nur als Indikator für Vielfalt oder spezifische Habitatstrukturen betrachtet werden, sondern als Indikator für eine charakteristische Verbindung von landschaftsökologisch bedingten und anthropogen gestalteten Wäldern. Dabei steht die Bedeutung der Wälder als Kernflächen eines Biotopverbunds im Vordergrund.

Um das Maß der Landschaftsfragmentierung und daraus folgernd die Notwendigkeiten oder Möglichkeiten eines Biotopverbunds beurteilen zu können, müssen zunächst verschiedene Maßstabs- und Betrachtungsebenen unterschieden werden. So ist deutlich zwischen der maßstabsorientierten Betrachtung einer Tierart (Individuum, Subpopulation, Metapopulation, Gesamtpopulation) und ihres Lebensraumes (lokal, Landschaft, biogeografische Region) zu unterscheiden. Insbesondere der Lebensraum und damit auch der Biotopverbund können zudem politisch-administrativ (lokal, regional, national, international) und zeitbezogen (Gegenwart, Vergangenheit, Zukunft) differenziert betrachtet werden. All diese Ebenen werden bei der folgenden Betrachtung einbezogen. Dabei sollen die Möglichkeiten und die Grenzen, das Auerhuhn als Indikator für einen Biotopverbund heranzuziehen, in Abhängigkeit von der zu betrachtenden Maßstabsebene näher beleuchtet werden.

Die Gesamtverbreitung des Auerhuhns ist charakterisiert durch eine zusammenhängende Besiedlung der borealen Nadelwaldzone und eine in Zentraleuropa gegebene, starke Aufteilung in kleine, verinselte Populationen. Diese Populationen sind vielfach wiederum in zahlreiche Subpopulationen zersplittert, was am Beispiel des Schwarzwaldes sehr gut gezeigt werden kann.

Methoden zur Beurteilung von Biotopverbund anhand von Indikatorarten bewerten die zwischen Lebensräumen liegende Landschaftsmatrix dahingehend, ob sie von den Individuen der gewählten Indikatorart im Hinblick auf einen Populationsverbund überwindbar ist. Ob und wo ein Populationsverbund noch gegeben ist oder wiederhergestellt werden kann, hängt dabei einerseits von den Fähigkeiten der Tierart ab, Distanzen zu überwinden und andererseits von den Möglichkeiten, die der Lebensraum oder die Landschaft hierfür bieten. Beim Auerhuhn sind Dispersionsdistanzen von bis zu 75 km (Myrberget 1978) bekannt, doch die durchschnittlich anzunehmende Wanderentfernung, die einen regelmäßigen Populationsaustausch ermöglicht, liegt mit weniger als 10 km deutlich niedriger (Koivisto 1963, Myrberget 1978, Swenson 1991, Rolstad et al. 1988, Menoni 1991, Storch 1995). Dispersionsdistanzen können jedoch nicht unabhängig von den zu überwindenden Landschaftsstrukturen betrachtet werden.

Ermittelt man für Zentraleuropa diejenigen Waldflächen, die für eine überlebensfähige Auerhuhnpopulation geeignet sind und betrachtet die Dispersionspotenziale zwischen diesen Kernflächen, wird deutlich, dass es für das Auerhuhn nur sehr wenige, geeignete große Waldflächen (Untergrenze 300 qkm) gibt und diese auf die Mittelgebirge beschränkt sind. Die Beschränkung auf die Mittelgebirge ist durch die Bindung des Waldhuhns an winterkalte Bedingungen zu erklären. Die daraus resultierende Fragmentierung des Lebensraums wird dadurch verstärkt, dass die meisten der potenziell geeigneten Waldflächen weit auseinander liegen. Die oben angegebenen Dispersionsdistanzen reichen daher nicht aus, um einen direkten Populationsaustausch zwischen den Kernflächen zu ermöglichen, auch unter Berücksichtigung geeigneter Trittsteinflächen wäre ein Populationsverbund unwahrscheinlich.

Um das Landschaftsmosaik auf verschiedenen Maßstabsebenen hinsichtlich seiner Eignung als Lebensraum für eine ausgewählte Tierart beurteilen zu können, wurden verschiedene methodische Ansätze entwickelt, die ineinandergreifend das Lebensraumsystem für Wildtiere beschreiben und für die Bewertung von Biotopverbund herangezogen werden können. Sie zeigen, dass das Auerhuhn als Indikator für einen länderübergreifenden Biotopverbund landschaftsökologisch differenziert betrachtet werden muss.

Auf größter Maßstabsebene wurden die Wildökologischen Landschaftstypen entwickelt, die die Verteilung verschiedener Landschafts- und Landnutzungsformen unter wildtierökologischen Aspekten bewerten. Sie können auf internationaler und nationaler Ebene herangezogen werden, um beispielsweise für das Auerhuhn Landschaftsräume einzugrenzen, die für eine überlebensfähige Population ausreichend große Landschaftskomplexe mit hohen Waldanteilen und Möglichkeiten eines Biotopverbunds bieten.

Während bei der Betrachtung von Großlandschaften in erster Linie das Klima und das Vorhanden-sein von Wald als Suchraster für Auerhuhngebiete herangezogen werden können, ist es auf der regionalen Landschaftsebene notwendig, auch das „Innere“ des Waldes zu betrachten, seine Texturen und Strukturen. Letztere werden durch die Art der Waldbewirtschaftung wesentlich beeinflusst, sind aber auch von den landschaftsökologischen Bedingungen abhängig. Wenn als vereinfachtes Bild eines Auerhuhnwaldes lichte Waldstrukturen in Nadelwäldern mit flächigem Heidelbeervor-kommen angenommen werden, ist dieses in Mitteleuropa großflächig nur in den Mittelgebirgen und dort nur in den höheren Lagen, auf oligotrophen Standorten und/oder auf Extremstandorten anzutreffen. Trotz jahrhundertelanger, teilweise sehr intensiver Waldwirtschaft sind die landschaftsökologischen Potenziale für die „standortgerechte“ Herausbildung solcher Waldstrukturen ableitbar. Hierfür wurde das tierartenspezifische Landschaftsökologische Lebensraumpotenzial (=LÖLP) entwickelt. Dieses bezeichnet die Teilgebiete einer Landschaft, die aufgrund der landschaftsökologischen Bedingungen ein höheres Potenzial für das Vorhandensein oder die Entwicklung von geeigneten Habitatstrukturen für das Auerhuhn aufweisen als die übrigen Teile der Landschaft. Durch die Berechnung des LÖLP kann für einen Naturraum beispielsweise eingeschätzt werden, ob genügend landschaftsökologisch geeignete Flächen für eine langfristig überlebensfähige Auerhuhnpopulation vorhanden sind. Da beispielsweise im Schwarzwald die einzelnen „LÖLP-Flächen“ wie Inseln in einem Waldmeer liegen, kommt im Hinblick auf das Auerhuhn dem Biotopverbund auf regionaler Ebene eine besondere Bedeutung zu. Das Überleben einer Auerhuhnpopulation in einem zentraleuropäischen Mittelgebirge kann langfristig nur gesichert werden, wenn die fragmentierten Teillebensräume so miteinander verbunden werden, dass ein regelmäßiger Populationsaustausch möglich ist.

Sowohl die LÖLP-, als auch die Biotopverbundflächen stellen die wesentliche Grundlage für die Waldbewirtschaftung dar, indem sie nicht nur eine Entscheidungshilfe dafür liefern, ob etwas „für das Auerhuhn“ getan werden muss oder nicht, sondern auch, wo am sinnvollsten und effektivsten Habitatstrukturen erhalten oder geschaffen werden können. Doch wie kann der Waldbewirtschafter die Zielsetzungen „Auerhuhnwald“ und „Biotopverbund“ in waldbauliches Handeln integrieren? Waldbauliche Zielwerte sind dafür erforderlich. Auf lokaler Ebene wurden daher Minimumwerte spezifischer Habitatstrukturen abgeleitet, die für die Waldbewirtschaftung als „Messlatte“ für die Entwicklung von Auerhuhnwäldern gelten können. Dies ist notwendig, da sich die Eignung von Wald- oder Biotopverbundflächen nicht im Kielwasser naturnaher Waldwirtschaft entwickelt.

Am Beispiel des Auerhuhns kann gezeigt werden, dass der auf Waldflächen bezogene, länderübergreifende Biotopverbund landschaftsökologisch differenziert betrachtet werden muss. Es werden Methoden vorgestellt, die eine solche Differenzierung ermöglichen. Diese Methoden sind auf andere Tierarten übertragbar. Um ein umfassendes Konzept für einen länderübergreifenden Biotopverbund zu erarbeiten, stellen artspezifische Bewertungsmethoden zwar ein wichtiges Teilmodul dar, der Weg über Indikatorarten reicht aber allein nicht aus, zumal die Eignung von Indikatorarten stark von den zu betrachtenden Maßstabsebenen abhängig ist. Aufgrund der für das Auerhuhn vorgestellten Erkenntnisse müssen zusätzlich auch artunabhängige Ansätze verfolgt werden.


11. Prof. Dr. Volker Zahner, Fachhochschule Weihenstephan, Freising:
Wildtierbiologische Aspekte des Biotopverbunds – das Beispiel Biber

Nur zwei Habitatfaktoren sind für Biber wirklich bedeutend: Wasser und Bäume. Mit Licht und Wasser gestalten sie ganze Lebensräume wie keine zweite Tierart. Durch die enge Bindung an Gewässer sind ihrer flächigen Verbreitung aber enge Grenzen gesetzt. 90 % ihrer Streifzüge finden im Umkreis von nur 20 m Entfernung vom Ufer statt. Dementsprechend sind es überwiegend Fließgewässer der Mittelgebirge und des Flachlands, die von Bibern besiedelt werden. Die Teile ihres Reviers werden dabei nicht gleichmäßig genutzt. Sowohl jahreszeitlich als auch über die Jahre hinweg verschieben sich die räumlichen Schwerpunkte. Haben sie über ihre Fällaktivitäten Einfluss auf die Baumartenzusammensetzung, die Schichtung, den Schlussgrad und den Totholzanteil, so ist der markanteste Effekt doch der Dammbau. Der Überstau verändert die Gewässergestalt und sogar den Grundwasserspiegel. Obwohl diese Veränderungen nur lokal begrenzt wirken und zeitlich auf einige Jahre bis Jahrzehnte beschränkt sind, profitieren eine Reihe von Waldarten davon.

Die Flüsse und Bäche als lineare Strukturen in der Landschaft sind Refugien, Trittsteine, Wander- und Ausbreitungsachsen zugleich. Die Biberteiche waren wesentliche Bestandteile dieses Auensystems. Mit der Ausrottung des Bibers als Schlüsselart verschwanden diese Strukturen. Zahlreiche Artengemeinschaften, z. B. Schwemmlingsfluren und die dazu gehörige Fauna, wurden damit selten.

Durch den Anstieg der Biberpopulationen entstehen nun wieder diese Lebensräume. Daneben verursacht eine wachsende Biberpopulation auch einen verstärkten Anpassungsdruck der Landnutzung entlang der Fließgewässer. Um Konflikte zu vermindern, ist es notwendig, den Biber in Planungen mit einzubeziehen. Der Biber als Motor für Dynamik in der Aue kann so auch zu einem Motor für die Wiederbewaldung entlang der Flüsse werden und damit wesentlich zum Biotopverbund beitragen.


12. Dr. Gabriele Kluxen, Höhere Naturschutzbehörde, Regierung von Mittelfranken, Ansbach und Dr. Rüdiger Detsch Bayerisches Staatsministerium für Landwirtschaft und Forsten, München:
Chancen und Grenzen des Vertragsnaturschutzes – Honorierung ökologischer Leistungen

Während Förderprogramme zum Vertragsnaturschutz im Offenland oder zur ökologischen Verbesserung und Stabilisierung von Wäldern schon eine gewisse Tradition in Deutschland besitzen, steckt der Vertragsnaturschutz im Wald noch in den Kinderschuhen. Aber flächenbedeutsame Biotopverbundsysteme wie NATURA 2000 einerseits und die immer schwieriger werdende Ertragslage der Forstbetriebe andererseits lassen Naturschützer und Waldbesitzer aufeinander zugehen. Der Ansatz Vertragsnaturschutz ist sinnvoll, denn Naturschutz in der Fläche ist in einer dicht besiedelten Kulturlandschaft nur im Konsens mit den Landnutzern zu erreichen.

Ziele, Vertragskulisse und Inhalt des bayerischen Vertragsnaturschutzprogramms (VNP) Wald werden vorgestellt. Als Beispiel aus der Praxis dient die Entwicklung eines naturschutzfachlichen Konzepts für Mittelwälder anhand einer Auswahl von relevanten Zielarten (Kleiner Maivogel, Heckenwollafter, Hirschkäfer). Aus der Autökologie dieser Arten werden entsprechende Vertragsinhalte abgeleitet und dargestellt.

Eine allgemeine Stärke des VNP „Wald“ ist die Möglichkeit, Privatwaldbesitzern einen Ausgleich für naturschutzkonforme Bewirtschaftung anzubieten. Dies nützt in erster Linie der naturschutzfachlichen Zielsetzung für die Waldflächen (z. B. der Erhaltung und der Förderung lichter Waldstrukturen), führt aber auch zu einem „Bewusstwerden“ der naturschutzfachlichen Bedeutung einer Maßnahme (z. B. einer traditionellen extensiven Bewirtschaftungsform) bei den Waldbesitzern. Dadurch entsteht eine noch engere Bindung an den eigenen Wald bzw. an das eigene Lebensumfeld.

Schwierigkeiten bei der Umsetzung ergeben sich v. a. durch

  • den hohen Verwaltungs- und Kontrollaufwand,
  • die Abgrenzung zu anderen Förderprogrammen,
  • die geringen Vertragslaufzeiten von 10 bzw. 20 Jahren,
  • die geringe Finanzausstattung.

Künftig wird es darauf ankommen, diese „Kinderkrankheiten“ zu beheben. Durch verstärkte Lobbyarbeit auf allen politischen Ebenen (auch auf EU-Ebene) könnten die Fördermöglichkeiten erhöht werden. Die aktuelle Diskussion über die Gute fachliche Praxis im Waldnaturschutz darf nicht dazu führen, dass zu hohe Grundanforderungen eine Förderung unmöglich machen. Zudem ist auch die Honorierung anderer Leistungen der Forstbetriebe, z. B. im Bereich des Boden-, Trink- und Hochwasserschutzes, vorstellbar. Nicht von vornherein ausgeklammert werden sollte dabei die Möglichkeit einer Förderung von Staatsforstbetrieben.

letzte Aktualisierung: 25.01.2007